Daniel Gascón, Der Hipster von der traurigen Gestalt.

Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Verlag Antje Kunstmann

Enrique ist ein politischer Naivling. In Madrid zieht er gegen alle und alles, politisch links oder rechts los. Aber irgendwann hat er von all dem Gerede die Nase voll und zieht aufs Land, ins Dorf Canada in der Provinz Teruel. Er will, weil er brav das Buch von Molino, Das leere Spanien studiert hat, das Dorf wieder beleben. Der Hahn kräht, Kirchenglocken,Traktor und Motorpflug sind für ihn Musik der ländlichen Idylle. Seine Tante, die ihn wegen seiner für sie meist unverständlichen Rhetorik bewundert, melkt für das verwöhnte Stadtbubi, der natürlich kein Fleisch isst, täglich das Schaf. Denn Enrique trinkt nur Schafsmilch. Er fühlt sich rundum wohl und beschließt bald, den hinterwäldlerischen Bewohnern auf die Sprünge in die moderne Welt zu helfen. So gründet er unter anderem einen Workshop zur neuen Männlichkeit, zu dem allerdings alle Männer fernbleiben. Nur seine Tante und deren Freundin sind anwesend. Ein glatter Erfolg für Enrique! Ohne dass er es merkt, hebeln die Dorfbewohner ohne Bosheit , einfach, weil es sich so ergibt, all seine Bemühungen aus. Ja, mehr noch, er wird bald einer von Ihnen. Die Rettung des leeren Spaniens wird auf später verschoben. Als er dann noch zum Bürgermeister gewählt wird, ändert er zwar nichts im Dorf, seine hochfliegenden Pläne formuliert er weiterhin in der absurden Sprache der verdrehten Welt. Dennoch geht im Dorf was weiter, – ein Filmcrew meldet sich an. Bald geht es drunter und drüber und man weiß als Leser nicht mehr so recht, wer außer Enrique noch Don Quijote ist. Es scheint, dass der Don-Quijotismus per se erfolgreich ist.

Ein Schelmenroman, in dem alle Ideen unserer Gegenwart, wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Feminismus und vieles mehr, mit viel Humor und geistreicher Ironie ad absurdum geführt werden.

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Erika Schellenberger: Alles behalten für immer – Ruth Rilke. Verlag Ebersbach & Simon

Der Titel ist ein Zitat aus Rilkes neunter Elegie

Erika Schellenberg hat viel recherchiert, um Ruth Rilke, die Tochter des hochverehrten Dichters Rilke, zu Ehren kommen zu lassen. Sie hat es auch verdient. Denn bisher stand Ruth Rilke immer im übergroßen Schatten ihres Vaters. Wenige wussten überhaupt, dass Rilke eine Tochter hatte.

Rilke heiratete 1901 die Bildhauerin Clara Westhoff, die er im Jahre im Künstlerdorf Worpswede kennengelernt hatte. Ruth wurde im Dezember 1901 geboren. Aber schon bald verließ Rilke Ehefrau und Tochter, weil es ihn in der Welt herumtrieb. Der Kontakt zu seiner Familie blieb jedoch aufrecht. Immer wieder besuchte er Clara und Ruth, die nur wenige, aber ihr sehr kostbare Erinnerungen an ihren Vater hatte.

Das Archiv zu bewahren und zu ordnen wird Ruths Lebensaufgabe. Außerdem betreibt sie die Herausgabe der Rilkewerke in dem renommieren Inselverlag. Sie heiratet nach dem Tod ihres ersten Mannes Willy Fritzsche, der ihr bei der Renovierung des ehemaligen Atelierhauses ihrer Mutter hilft. Ruth wird sich bis zu ihrem Tod 1972 mit dem Nachlass ihres Vaters beschäftigen.

Dass die Autorin fleißig recherchiert hat, steht außer Zweifel. Leider erschweren Zeitsprünge den Lesefluss. Eine „klassische“ Biografie, die sich an den Lebensablauf hält, wäre erhellender gewesen!

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Niccolò Ammaniti: Intimleben. Eiseleverlag

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Zunächst einmal ein Kompliment an die Übersetzerin. Denn leicht zu übersetzen ist die „verfickte Intelligenzia- und Bourgoissprache“ nicht, die der Autor seinen Protagonisten zuschreibt. Da wird ordinärster „schicker“ Jargon angewendet, und an so manchen Stellen kommt auch die versierte Übersetzerin an ihre Grenzen. Denn Ammaniti beschreibt ausführlich das sexuelle Intimleben – es geht um zwei Pornofilme – und von dem ausgehend beleuchtet er das seelische Intimleben der Protagonistin. Klug und scharfsinnig, spannend geschrieben!

Maria Cristina gilt als die schönste Frau der Welt. Auf den Titel könnte sie gerne verzichten, wäre sie nicht Gattin und mediales Aushängeschild des italienschen Ministerpräsidenten. Als diese wird ihr Leben von ihrer medialen Wirkung bestimmt, und jeder Schritt und jedes Wort sorgfältig von einem Spindoctor geplant. Nun soll sie, was sie noch nie getan hat, ein Fernsehinterview geben – man hofft, dass dadurch die sinkenden UMfragewerte ihres Mannes steigen. Widerwillig nimmt sie an, und hat fortan nur mehr Angst davor. Unversehens begegnet sie einem Jugendfreund. Lebemann Nicola Sarti ist reich, besitzt mehrere Hotels. Sie hatten Jahre keinen Kontakt. Nun schickt er ihr Bilder aus dem Segelturn, den Nicola, Cristina und ihr Bruder gemeinsam in ihrer Jugend unternommen hatten. Dabei drehten Nicola und Cristina aus jugendlichem Übermut ein Pornovideo. Als er ihr dieses ebenfalls sendet, hat sie Angst, er könnte sie erpressen. Und es sieht auch alles danach aus. Mehr sei hier nicht verraten!

Ammaniti ist einer der erfolgreichsten Autoren Italiens. In diesem Roman entlarvt er das Leben der Reichen und Mächtigen, das von Intrigen und den Medien bestimmt ist. Wer sich diesem Imperialismus untwerwirft, verliert seine Seele, sein Intimleben. Durch die bewusst eingesetzte rohe Sprache charakterisiert er diese Gesellschaftsschicht sehr deutlich.

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Susanne Wiborg, Der glückliche Horizont.

Untertitel: Was uns Landschaft bedeutet

Verlag Antje Kunstmann

In dem klugen Vorwort schreibt Susanne Wiborg: „Über Jahrhunderte blieb diese Verbindung (zwischen Mensch und Landschaft) eng und gut dokumentiert, erst mit dem Kulturbruch des Ersten Weltkrieges riss die Kontinuität ab. Plötzlich kamen Landschaft und Natur zugunsten des Urbanen aus der Mode.“ (S 8)

Erst der Tourismus, jetzt der Overtourismus, und die Gefährdung der Natur und Landschaft durch Umweltverschmutzung und Klimawandel rücken die Landschaft wieder in den Fokus der schreibenden Zunft. Man sieht die Gefährdung: die Landschaft dient als Verdienstvehikel – Berge werden mit Aufstiegshilfen zu Massenzielen, Wälder durch Bikes zu Rennstrecken etc..

Doch Susanne Wiborg ist zuversichtlich: Noch hat „die Landschaft ihre Seele nicht verloren“. In den literarischen Texten sucht sie nach Beweisen ihrer Zuversicht, zitiert Zuckmayers und vieler anderer Autoren Begeisterung für die Berge. Insgesamt ist das Buch ein umfassendes Zitatenwerk über alles, was Landschaft ausmacht: Berge, Fluss, Meer, Wiese, Wald, Heide.

Das Quellenverzeichnis am Ende ist ausführlich und hilfreich für alle, die nach brauchbaren Zitaten zum Thema Landschaft suchen.

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Benedict Wells, Becks letzter Sommer. Diogenes

„Es sind Gespräche, die das Leben als lieblosen Unfug enttarnen“, schreibt Benedict Wells mitten im Roman. Aber eher sind es die Aktionen, die der Mensch/der Protagonist und die weiteren Figuren in diesem Roman setzen und das „Leben als lieblosen Unfug“ entlarven. Alles hängt von den Momenten ab, die unvorhersehbar sind. Aus solchen drechselt der Autor seinen Roman, der nicht sein erster, wie es allgemein heißt, sondern sein zweiter ist.

Benedict Wells spielt in diesem Roman das Mozart-Salieri Thema durch: Der genialisch Begabte gegen Mittelmaß. Eine Spannungsbogen, der bis zum Schluss den Plot trägt. Dazu kommt Wells großes Thema, das er in den späteren Romanen („Vom Ende der Einsamkeit“) mit großer Virtuosität durchspielt: die Liebe. oder hier eher: die Unfähigkeit zu lieben.

Beck ist um die 40, widerwillig Musik- und Deutschlehrer an einem Gymnasium. Er hat die Nase voll von seinem Job, aber er hat keine Alternative. Früher spielte er in einer Band, mittelmäßig, mit mäßigem Erfolg. Das Mittelmaß verfolgt ihn, lässt ihn mit dem Leben unzufrieden werden. Der Schüler Rauli Kantas aus Litauen hat musikalisches Genie im Übermaß. Beck träumt davon, ihn zu managen und groß herauszubringen. Doch auch dieser Traum platzt – Beck wird aus dem Vertrag ausgeschlossen.

Angereichert ist dieser „Antientwicklungsroman“ – denn Beck ist am Ende der, der er immer war: ein mittelmäßiger Musiker, nur mit dem Unterschied, dass er resignierend einsieht: den großen, genialischen Einfall wird er nie haben – angereichert also mit Texten aus der Rock- und Popmusik, besonders von Bob Dylan. Sein bester Freund Charlie, ein Schwarzer mit Macken und durchgeknallten Visionen, will unbedingt seine Mutter in Istanbul besuchen. Dass er unter der Karosserie Drogenpäckchen versteckt hält, die er in die Türkei schmuggeln soll, erfährt Beck erst während der Fahrt, an der auch Rauli teilnimmt. Weil Charlie das Geld für die Drogen im Alleingang kassieren will, wird ihm von den Drogengangstern ein Finger abgehackt. Nach Kurzaufenthalt in Istanbul geht die Reise zurück, Charlie stürzt mit dem Flugzeug ab, Rauli startet seine große Karriere, wird drogenabhängig und ziemlich unglücklich. Beck kündigt in der Schule, siedelt in ein kleines Dorf in Süditalien und findet dort ein wenig Frieden. Bis ihn Rauli, nun gefeierter Star, Weiber- und Gitarreheld, besucht. Beiden wird bewusst, dass das Leben nur „ein sinnloser Unfug“ ist. Rauli haut bei Nacht und Nebel mit Becks Lieblingskatze ab und hinterlässt als Geschenk seinen größten, unveröffentlichten Hit. Was Beck damit machen wird, bleibt offen.

Mag schon sein, dass Benedict Wells zu viele Motive auf einmal hineinpackte: Drogen, Musikkarriere, Freundschaft, Verlustängste und dazu noch zwischendrin eine Autorenfigur, die Beck nach seiner Vergangenheit ausfragt. Alles ein bisserl zu viel, dennoch aber ein spannender Roman.

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Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück. Klett-Cotta

Stine ist gerade drei Jahre alt, als die Mauer fällt. Sie fühlt sich als Kind der DDR, ihre Familie allerdings schweigt über diese Zeit. So kramt die heranwachsende Stine in Fotoalben, Zetteln, Notizbüchern und in ihren eigenen ERinnerungen, um mehr über die Vergangenheit und die Verstrickungen ihrer Familie im System zu erfahren. Was die Autorin da an Protagonisten auffahren lässt, kennt man eigentlich schon hinlänglich aus diversen Familien-bzw Geschichtsromanen aus der DDR-Zeit: Der über alles geliebte Großvater – eine in diesem Literaturgenre sehr beliebte und oft verwendete Person -, der fest überzeugt ist vom System und dem DDR-Staat. Die strenge, finstere Großmutter , die auf den Fotos einst ein lustiges, fesches Mädl war, das herzlich lachen konnte. Wie ist sie zu der alten Vergrämten, Versteinerten geworden? Die Mutter haut die Kinder, sie haben Angst vor ihr. Das ist gut so,denn sie sollen vor allem eins lernen: gehorchen. Als Stine eigene Kinder hat, sind Schläge ganz und gar verboten! Dann sind da so seltsame Erinnerungen an Nazis, zuerst verdeckt, dann offen, an Kindereziehungslager, an Stasiakten – kurz, das ganze DDR-Programm. Das Lesen wird durch nicht deutlich gemachte Zeitensprünge, erschwert. Aber in Summe ist das Buch für alle, die von der DDRvergangenheit nicht genug lesen können, empfehlenswert.

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Sibylle Grimbert, der letzte seiner art. Eisele Verlag

Aus dem Französischen von Sabine Schwenk

Sibylle Grimbert lässt den Leser hautnah miterleben, wie es sich anspürt, wenn eine Species ausstirbt. Wenn wir in den Medien vom Artensterben lesen oder hören, sind wir kurz betroffen, aber gleich darauf wenden wir uns dem Alltag zu. Anders im Roman Grimberts: Wir wissen, „es“, dieses Tier ist „der Letzte seiner Art“ und es wird nach ihm keinen Riesenalk mehr geben. Indem die Autorin dieses Aussterben eines seltenen und einmaligen Tieres einen ebenso seltenen, viele würden sagen: seltsamen Menschen erleben lässt, beteiligt sie uns „direkt am Geschehen“. Keine Doku, aber auch keine „Betroffenheitsliteratur“. Sondern:

Es geht um den Riesenalk. – „Nie gehört“, sagen viele. Ja klar, denn er und seine Artgenossen sind Mitte des 19. Jahrhunderts ausgestorben. Erschlagen von Menschen, die alles von dem Vogel verkauften, Federn, Schnabel, Fleisch. Der circa 85cm große Vogel hatte zwar Flügel, konnte aber nicht fliegen. Dafür gut schwimmen. Dennoch war er auch für Eisbären und Orca eine leichte Beute.

1835 landet der französische Zoologe Gus mit einer Fischfangflotte auf einer kleinen Insel vor Island und wird Zeuge, wie systematisch alle Riesenalks, die dort friedlich lebten, von den Matrosen erschlagen werden. Ein Riesenalk verfängt sich im Netz und Gus rettet ihn. Er beschließt ihn zu behalten, um ihn zu studieren und ihn, wenn er von seinen Wunden und dem Schock geheilt sein wird, nach Lille ins zoologische Museum zu schicken. Doch mit der Zeit wird der Vogel ihm vertraut, er gibt ihm den Namen Prosp. Immer wieder zeichnet er ihn, sein schönes Gefieder, seinen Riesenschnabel. Aus dem verschreckten Vogel wird bald ein Wesen, das zu Gus Vertrauen fasst. Die Jahre vergehen, Gus heiratet und wird Vater zweier Kinder. Prosp wird zum Familienmitglied. Doch immer nagt an Gus die Frage, ob es für Prosp nicht doch noch ein Leben unter Seinesgleichen geben könnte. Alles Suchen und Fragen ist vergeblich – Prosp ist und bleibt der Letzte seiner Art. Gus wird immer mehr zum Eigenbrötler, zieht von Frau und Familie weg in die einsamste Ecke Nordislands, baut eine Hütte und lebt nur mit und für Prosp. Wieder vergehen Jahre, Gus wird alt und krank. Eines Tages verlässt Prosp ihn, taucht ein in die Wellen des Meeres und kehrt nicht mehr zurück. Gus sendet ihm einen Abschiedgruß nach. Später besteigt er ein Schiff, das ihn zu seiner Familie zurückbringt.

Die Autorin betont, dass die Geschichte von der Freundschaft zwischen einem Menschen und einem Riesenalk erfunden ist, basierend auf vielen Fakten der Forschung. Faszinierend werden wir Zeugen, wie sich Mensch und Tier einander annähern, gegenseitig Gewohnheiten übernehmen, bis so etwas wie Freundschaft entsteht. Umso intensiver trifft uns dann der Abschied, das Wissen, er ist der Letzte seiner Art. Ohne das Tier zu vermenschlichen, beschreibt Sibylle Grimbert sein Wesen, seine Vorlieben, seine Gefühle, die Zutraulichkeit, die Verletzlichkeit. Am Ende ist nicht irgendein Vogel ausgestorben, sondern ein Tier namens Prosp mit all seinen Eigenschaften, die wir kennenlernen und lieben durften.

Für diesen Roman wurde Sibylle Grimbert mit dem Prix Goncourt des animaux ausgezeichnet.

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Eine Schurkengeschichte. Aus dem argentinischen Spanisch von Erich Hackl

Ich nenne das Buch nicht „Roman“, wie esauf der Rückseite des Covers betitelt wird, sondern fiktive Biografie. „Fiktiv“ deswegen, weil der Erzähler oder die Figur, die die einzelnen Kapiteln zusammengestellt hat, ein vom Autor ersonnener Journalist ist, der sich verpflichtet fühlt, die Fakten über Fritz Mandl zusammenzutragen und aufzuschreiben. Dabei mischt sich Erdachtes mit Wahrem, was den Leser -also mich – des öfteren verwirrt hat.

In jedem Kapitel lässt der Autor eine Person reden, die mit Mandl zu tun hatte. Die Begegnungen gehen kreuz und quer von Europa über Frankreich bis Argentinien, die zeitliche Abfolge vernachlässigend.

Der Jude Fritz Mandl war im 2. Weltkrieg eine schillernde Persönlichkeit und zählte zu den Reichsten des Landes. In seiner Fabrik in Hirtenberg im Süden Wiens wurden Waffen und Muntion erzeugt, die Mandl an alle Länder und Potentaten, die daran interessiert waren, lieferte. Obwohl befreundet mit allen politischen Playern des Zweiten WEltkrieges, insbesonders mit Mussolini und Graf Starhemberg, wurde er von den Nazis enteignet, hatte aber seine Schäfchen schon längst im Ausland ins Trockene gebracht. Über Frankreich emigirierte er nach Buenos Aires, wo er mit Peron eng befreundet war. Den Argentiniern gaukelte er vor, eine eigene Waffenfabrik errichten zu wollen, was er aber nie realisierte.

In seinem Privatleben haben Frauen eine große Rolle gespielt. Zu allgemeiner Bekannheit hat es die Ehe mit Hedy Lamarr gebracht. Sie floh ja bei Nacht und Nebel aus den ehelichen Fesseln nach Amerika, wo sie schnell als Schauspielerin Karriere machte.

Fritz Mandl war eine schillernde Persönlicheit, wusste sein Vis à Vis von seinen kühnen Plänen zu überzeugen, auch wenn sie sich meist in Schall und Rauch auflösten. Aber Mandl wäre nicht der geworden, der er war – ein charmanter Schurke – wenn seine Partner/Gegner nicht alle mitgespielt hätten. Mitgespielt, weil sie sich von Mandl enormen Profit erhofften. Mandl spielte gekonnt und klug auf dem menschlichen Klavier der Gier, der Gier nach Macht und Geld.

Schade nur, dass sich Eduardo Pogoriles nicht zu einer klaren Struktur und einem geordneten Erzählablauf durchringen konnte. So aber kämpft sich der Leser durch Nebel und verwischte Konturen durch, ohne wirklich zu einm klaren Bild zu kommen.

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Jochen Gutsch und Maxim Leo: Frankie. Penguin Verlag

Ich weiß ein Remediumbuch, das mich nach der Lektüre von Edelbauers Flüssigem Land (s. den Beitrag auf meiner Webseite) wieder ins „Equilibrium“ bringt – auf gut Deutsch: Nach der Lektüre von Edelbauers „Flüssigem Land“ brauchte ich ein Buch, das mich die Anstrengung vergessen lässt – und das ist: „Frankie“, die Geschichte eines ziemlich ramponierten Dorfkaters, der am großen Misthaufen unter einer ausrangierten Badewanne sein Leben fristet. Das ändert sich, als er am „verlassenen Haus“ vorbeistreicht. Da werkt zu Frankies Üverraschung ein Mensch drin, „der mit einem Faden spielt, der von der Decke hängt“. Dem Leser wird gleich klar, der Mensch will sich erhängen. Aber es kommt ihm Frankie dazwischen, der „Menschisch besser als Katzisch“ spricht und überhaupt ein überaus Schlauer ist. Wie sich die Freundschaft zwischen dem Menschen, der sich Gold nennt. und Frankie entwickelt, ist einfach klug, witzig und auch ein wenig philosophisch beschrieben. Ein Buch zum Gernhaben!!!

http://www.penguin-verlag.de

Als ich den Roman endlich zu Ende gelesen hatte, brauchte ich ein flüssiges Buch, das mich ins literarische „Equilibrium“ wieder zurückstimmt. Equilibrium ist eines der vielen gestelzten Ausdrücke, die die Autorin gerne verwendet. Überhaupt lässt sie den Leser gerne ratlos zurück, ratlos, weil er nicht so recht weiß, was das Buch soll. Anspielungen an literarische Vorbilder gibt es genug, und jeder wird sie leicht orten: Homer, Odyssee: Die Protagonistin Ruth Schwarz irrt in Österreich umher, vom Wecheselgebirge ins Kamptal und zurück. Sie kommt einfach nicht an, wie einst Odysseues. Und als sie endlich ankommt, ist alles nicht so , wie es sein soll. Da beginnen die nächsten Literaturschnitzelvorbilder durchzuschimmern: Eva Menassse, Dunkelblum und Elfriede Jelinek: Rechnitz. Es gibt ein Loch, wo einst im 2. Weltkrieg Zwangsarbeiter/Juden verhineingeworfen wurden. Das Dorf hat ein Schloss – Kafka lässt grüßen! Dort throhnt eine Gräfin, die alles in der Hand hat. Doch sie ist keine echte Gräfin, eigentlich sind alle nicht wirklich, nicht das, was sie vorgeben. Somit haben wir es also auch mit der in der jüngsten Literatur schon ein wenig abgenützten Frage nach der Identität zu tun. Dass alle Bewohner das Loch verschweigen, es nicht wahrnehmen wollen, nach dem Motto, was ich verschweige, das gibt es nicht, ist auch schon ewig den Österreichern nachgesagt worden. Warum eigentlich nur den Östereichern.? „Lustig, witzig, unterhaltsam“ soll das Buch sein – es hat ja auch Preise bekommen, die bekommt niemand von nix – , aber ich möchte gerne wissen, wer bei der Lektüre gelacht oder auch nur geschnmunzelt hat.

Bitte ein „Equilibrium-Buch“!!! Wer kann mir eines empfehlen? Ich glaube, ich habe schon eines gefunden. WElches das ist, verrate ich in meinem nächsten Beitrag.

Anthony McCarten: GOING ZERO. Diogenes Verlag

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf Allié

McCarten gelang wieder einmal ein Thriller von brennender Aktualität. Er weckt uns Naivlinge aus den süßen Träumen der analogen Welt auf und zeigt uns, was heute digital und sonst noch irgendwie künstlich alles möglich ist. Mit dem Fazit, dass der Leser am Ende erkennen muss: Was sind wir doch alle zusammen für Naivlinge, wenn wir an den Datenschutz glauben. Wenn wir meinen, wir sind auf der sicheren Seite, können nicht ausspioniert werden. Von wegen! Auch wer keinen Computer anrührt, kein Smartphon verwendet, ist für diejenigen, die im Netz die Macht haben, ein zur Gänze durchleuchteter Mensch, Wer denkt: „Ach Gott, die armen Chinesen, die sind ja total kontrolliert“ und meint, er selber sei vor allen Nachstellugen staatlicher und sonstiger Mächte geschützt, der IRRT!!

Cy Baxter, ein in der Welt von Silicon Valley Vertrauter, reich geworden durch digitale Machenschaften, lanziert den Superdeal seines Lebens: Er möchte beweisen, dass seinem Überwachungssystem keiner entkommt, und sei er noch so gefinkelt. Zehn Personen haben sich für den Test gemeldet: Sie sollen für 30 Tage versuchen, unauffindbar zu sein. Gelingt es den Leuten von Cy Baxter, alle zehn innerhalb der Zeit zu orten und zu stellen, dann geht der Deal auf und er kann mit der CIA fusionieren und somit ein unumschränkte Überwachungsimperium errichten. Schnell sind die ersten neun gefasst, bleibt nur noch eine Person: Kaitlyn Day, eine Bibliothekarin. Sie sollte kein Problem darstellen, da sie ganz offensichtlich noch in der analogen Welt lebt. Doch sie lehrt Cy Baxter das Fürchten, entkommt intelligent und flink allen Versuchen, sie zu fassen. Gegen Ende bekommt der Thriller noch eine neue, überraschende Wendung.

Das Buch ist die ersten hundert Seiten ziemlich technisch und langweilt. Wen aber diese technischen Details nicht interessieren, kann leicht darüber hinweglesen und steigt dann voll und ganz so ab Seite 80 ein. Dann wird das Buch niemand mehr weglegen. Die Frage, die Mc Carten in dem Buch stellt, ist aktueller denn je: Wie weit darf die Überwachung des Bürgers unter dem Mäntelchen der Sicherheit gehen? Darf der Staat dem Bürger seine individuelle Freiheit nehmen, immer unter dem Vorwand, diesen vor möglichen Anschlägen zu schützen? Sind wir, Ottonormalverbraucher schon so an das „Sicherheitsdenken“ gewöhnt worden, dass uns unsere individuelle Freiheit nichts mehr wert ist? Solche und ähnliche Fragen stellt der Autor, die Antwort sollte sich der Leser geben.

http://www.diogenes.che

Mike Markart: Venezianische Spaziergänge. Edition Keiper

Mike Markart wohnt in Venedig, schreibt und spaziert durch Venedig, macht ungeschönte, interessante Schwarzweiß-Fotos, trinkt gerne eine Ombra oder auch einen guten Wein. Seine „Erzählungen“ sind Impressionen, die er am Weg mitnimmt – also kein „Reiseführer“. Wohl kann man den ein oder anderen Tipp finden, z.B. über die Gondelwerft „Tramontin“ , die am Ponte Sartorio liegt. Oder den „Campo Santa Marherita“, den von der Jugend bevölkerten Platz.

Allerdings: Die Angaben sind wahrscheinlich absichtlich vage gehalten, damit eben nicht allzu viele Touristen den Hinweisen nachgehen. Denn Markart ist ein Eigenbrötler, der sich nicht gerne unter die Menge mischt, wie alle, die noch in Venedig sesshaft sind. Das werden immer weniger. Hoffentlich bleibt der Autor und schreibt weiter über den Zauber der Stadt.

Die „Veneziaischen Spaziergänge“ lesen sich wie ein Skizzenbuch – man glaubt manche Orte zu erkennen, aber die Linien bleiben verschwommen, nur leicht hingehaucht. Sie versetzen den Leser in eine träumerische Stimmung, wie Venedig im Nebel, so sind die Erzählungen: Über allen liegt ein leichter Schleier des Unscharfen.

http://www.editionkeiper.at

Christine Fischer: Glüscksorte in Dresden. Droste Verlag

Untertitel: Fahr hin & werd glücklich

Genau 80 Tipps mit hübschen Fotos und einem sehr persönlichen Text. Man merkt, die Autorin kennt und liebt ihre Stadt. In der großen Auswahl findet jeder einige Tipps für sich. Mir persönlich gefielen folgende Tipps: 33, Der Kulturpalast. Von außen – Architektur aus der Vorzeit, also nicht sehr ansprechend. Aber innen – tolle Akustik, super Musikprogramm. 27 – Die Brühlsche Terrasse – die findet man zwar in jedem Reiseführer, aber dennoch: Das Café lockt mit herrlicher Aussicht, Kuchen und Kaffee vom Feinsten und vor allem mit einem äußerst freundlichen Personal! 67 – Die Parkeisenbahndurch den „Großen Garten“- ich stieg gleich bei der ersten Station aus, um im zauberhaften Café mit Blick auf den Park den Abend ausklingen zu lassen. Ganz besonders gefiel es mir in der Kunsthofpassage in der Neustadt (Tipp 72) – jung, verrückt und super !!! Ein großes Lob auch den diversen Fotografen!

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Martin Suter, Melody. Diogenes

“ Der kanns halt“, meint die Bibliothekarin, mit der ich gerne einen Plausch über Neuerscheinungen abhalte. Und macht dazu eine Handbewegung, die so zwischen Bewunderung und „wissen wir eh“ wedelt.

Ja, Martin Suter kanns wirklich, auch wenn er immer wieder aus demselben Personentopf schöpft: Da ist ein immens Reicher, alt, aber noch klar im Kopf. Da ist viel Geld, viel Korruption – ach, dazu sagt man eleganter „Einflussnahme“. Da ist ein armer, brotloser Jungjurist und da ist eine schöne, geheimnisvolle Frau. Und eine Superköchin darf nicht fehlen, die die feinsten italienischen Gerichte serviert. Man meint, das kennt man doch schon alles, dann aber doch nicht ganz, denn Suter lässt sich nicht so leicht in die Karten schauen.

Der Plot entwickelt sich wie die russische Puppe: Die Außenpuppe: Der reiche Nationalrat in Ruhestand. Dr. Stotz stellt den jungen Tom Elmer an, der seinen Nachlass ordnen soll. Zweite Puppe: Eine geheimnisvolle Schöne. Sie ist lange schon tot oder verschwunden, war die Braut von Dr. Stotz. Dritte Puppe: Elmer und die Nichte von Dr. Stotz schälen ein Geheimnis nach dem anderen heraus. – Rauskommt: Die vierte und fünfte und sechste Puppe – immer Dr. Stotz, der nicht der ist, als der er in der Gesellschaft gilt. Die Doppelgesichtigkeit, die Doppelperson – ein häufiges Thema in der Literatur, besonders in der Schweiz – Max Frisch, auch Dürrenmatt. Bei Suter ist es die Freude am Vexierspiel, die Freude, den Leser auf Spannung zu halten. Was ihm ja immer wieder gelingt. Und die Freude an der Kritik der superreichen und supersatten Gesellschaft, der Politiker und derer , die sichs richten. Auch in diesem Roman. Mehr sei hier nicht verraten.

http://www.diogenes.ch

Virginia Hartmann, Tochter des Marschlandes

Aus dem Amerikanischen von Frauke Brodd. Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe

Ihrem Vater verdankt Loni Mae die Liebe zur Natur. Sie erfährt alles über das Leben der Tiere im Marschland Floridas, insbesonders interessiert sie sich für Vögel, die sie perfekt zu zeichnen lernt. Als ihr Vater eines Tages vom Fischen nicht mehr heimkehrt, heißt es, es wäre ein Unfall gewesen. Nach dem Tod des Vaters beschließt Loni Mae nach Washington D.C. zu ziehen, wo sie eine interessante Stelle im Smithsonian Institut bekommt. Sie ist dort glücklich, zeichnet Vögel und hat Freundinnen. Doch eines Tages ruft sie ihr Bruder dringend nach Hause zurück, da die Mutter im Altersheim liegt und unter schwerer Demenz leidet. Er hat das Elternhaus verkauft, um damit das Heim für die Mutter zu finanzieren. Was für Loni Mae als Kurzaufenthalt beginnt, dehnt sich in die Länge. Immer mehr beunruhigt sie der Gedanke, dass der Tod des Vatters kein Unfall war, sondern Mord. Und sie macht sich auf die Suche nach Beweisen.

Klingt, wie ein guter Krimi. Aber eigentlich erwartete sich der Leser etwas anderes – anglelockt durch den Titel, der an den tollen Roman von Delia Owens, Der Gesang der Flusskrebse erinnert. Doch leider hält der Titel nicht, was er verspricht. Viele Seiten kämpft sich der Leser durch Banalitäten, wie Umzugskartons, Streitigkeiten mit Bruder und Schwägerin, Grillparty – und irgendwann legt er das Buch weg.

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Robert Seethaler: Das Café ohne Namen. Claassen bei Ullstein Buchverlage

Im bis zum letzten Platz ausverkauften Theater in der Josefstadt las Robert Seethaler aus seinem neuen Roman „Das Café ohne Namen“. Die Moderatorin Katja Gasser führte humorvoll durch den Abend. Gleich zu Beginn korrigierte Robert Seethaler sie, als sie von „Figuren“ des Romans sprach: „Es sind Menschen aus Fleisch und Blut, über die ich schreibe. Figuren sind mir zu abstrakt.“ Wie wahr ist es, wenn Seethaler diesen Ausdruck für die Menschen, die im Café, rund um den Karmelitermarkt und Prater leben, ablehnt. Denn immer schon – in all seinen Romanen – zeichnet Seethaler Menschen aus Fleisch und Blut. Sie leiden, leben, überleben, lassen sich nicht unterkriegen. Da ist immer jemand, der zuhört, ein Ort, wo man reden, vielleicht auch nur vor sich hin brabbeln kann, ein Bier oder mehr trinken kann, Als Robert Simon – die Namensähnlichkeit mit dem Autor mag kein Zufall sein – 1966 das kleine Café am Karmelitermarkt eröffnet, ist es zu Beginn nicht mehr als eine Wärmestube. Doch bald entwickelt es sich zum Zentrum für alle, die am Markt arbeiten, die rundum wohnen, die Einsamen, die Redebedürftigen. Frauen, die Anschluss suchen, Frauen, die sich zum „Leutausrichten“ regelmäßig treffen. Tausend kleine Bilder entwirft der Autor zu einem Kaleidoskop der Zeit, die ein Aufbruch war und doch für viele kein Weiterkommen bot. „Ich werde beim Schreiben ständig von einer Bilderflut überschüttet“, sagt Seethaler. Ihm sei es wichtig, „die Menschen in seinem Roman mit einer Würde auszustatten“. Die umhüllt jeden einzelnen, auch den hoffnungslosen Preisboxer vom Heumarkt oder die leicht verrückte Frau, die eines Tages auftaucht, trinkt, Unsinn redet, dann plötzlich nicht mehr da ist. Schauplatz ist die Leopoldstadt – und Gott sei Dank lässt Robert Seethaler das Thema Juden und Nazi unberührt. Denn ihm geht es nicht um das sattsam schon abgehandelte Thema der Vergangenheitsaufarbeitung, sondern darum, zu zeigen, welche Kraft und Überlebenswille in den Menschen stecken, auch wenn sie fast schon am Boden liegen und meinen, das Leben endet gleich. Es ist ein Buch voller Zärtlichkeit, Menschlichkeit und Hoffnungswille.

http://www.josefstadt.org und http://www.ullstein.de

Fritz Raddatz: Nizza -mon amour. Arche Verlag

Eine Liebeserklärng an die spröde Schöne des Mittelmeers

…untertitelt der Autor sein Büchlein. Fritz Raddatz (1931-2015) war stellvertretender Leiter des Rohwolt Verlages und Feuilletonchef der ZEIT, schrieb Essays und Romane. Sein Stil und Sicht auf die Stadt Nizza erinneren an Joseph Roth: Feine Beobachtungen, Lob gepaart mit harscher Kritik. Etwa über diverse Architektursünden – wie das Hotel Negresco oder das Museum für moderne Kunst. Seine kritischen Bemerkungen sind ebenso treffend wie die Lobeshymnen. Mit diesem Buch in der Tasche spaziert man mit „kritischem Verstand und Auge“ des Autors bestens ausgerüstet durch die Stadt. Durch seine sehr persönlichen Bemerkungen unterscheidet sich dieses Buch über Nizza wohltuend von den Reiseführern.

http://www.arche-verlag.com

David Hewson, Garten der Engel. Folio Verlag

Aus dem Englischen von Birgit Salzmann

David Hewson ist Italien-, besonders aber Venedigkenner, wo er seit dreißig Jahren lebt. Das Thema „Juden in Venedig unter Mussolinis Herrschaft“ lag lange brach, bis es dieses Jahr gleich durch zwei Autoren aufgegriffen wurde: Edith Schreiber-Wicke schreibt über eine jüdische Sängerin, die vor den Nazis nach Venedig flüchtet, dort aber verschleppt wird – siehe die Besprechung unter „Büchertipps“ – Ihr Schicksal bleibt ungewiss. David Hewsons Buch greift viel tiefer in die Untiefen des Jahres 1943, als die Deutschen in Venedig wie Berserker gegen Juden – egal ob alt oder Baby – vorgingen.

Anlass für David Hewson, dieses Buch zu schreiben, war die Geschichte des Professor Giuseppe Jona. Er war Vorsteher der jüdischen Gemeinde Venedigs und weigerte sich, den Nazis eine Liste aller in Venedig lebenden Juden zu übergeben. Giuseppe Jona beging am 17. September 1943 Selbstmord. Er wurde das Vorbild für den Arzt Diamante in der Geschichte. Die übrigen Figuren sind fiktiv, aber dem tatsächlichen Geschehen des Jahres 1943 angepasst, wie der Autor im Nachwort schreibt.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen: 1943 und in der Gegenwart, wodurch sich auch zwei ineineander verwobene Erzählstränge ergeben. Im Wesentlichen geht es aber um die Monate September 1943 und später. Der knapp 16-jährige Paolo lebt in Venedig in einem verfallenen Haus mit einigen Webstühlen, hat wenig Kontakt mit der Umwelt, bis eines Tages ein Geschwisterpaar mit vorgehaltenem Messer Einlass begehrt. Es sind von den Nazis gesuchte Partisanen. Der bis dahin von Politik und Weltgeschehen unbeleckte Junge wird nun mit der grausamen Realität konfrontiert: Wie Nazis auf alle Juden und alle, die sich aufmucken, Jagd machen. Menschen werden gefoltert und öffentlich hingerichtet. Der jüdische Arzt Diamante erstellt zwar die Liste der Juden, verbrennt sie jedoch und begeht Selbstmord. In einem infernalischen Akt fangen die Nazischergen alle Personen, die irgendwie nur verdächtig sind, unter anderem den Priester, und erschießen sie.

Es ist ein notwendiges Buch, das schon lange darauf gewartet hatte, geschrieben zu werden. Was Hewson von anderen „Krimiautoren“, unter die er gerne gereiht wird, unterscheidet, ist die differenzierte Sicht auf die Personen: Mitläufer aus Angst, Widerständler aus Wut, solche, die sich freiwillig zu Schergen machen, solche, die mitmachen und dabei versuchen, ihr Fell zu retten, wenn das Naziregime vorbei sein wird. Solche, wie Paolo, der völlig unschuldig in diese infernalische Hetze hineingerät. Solche, wie die Partisanin, deren ungebremste und unreflektierte Wut ihr selbst und Unschuldigen zum Verhängnis wird.

Ein wichtiger Roman, spannend und mit Detailkenntnissen versehen, der unbedingt gelesen werden muss!

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Margret Greiner: MÄDA & MÄDA. Gustav Klimt, die Wiener Werkstätte und die Familie Primavesi

Verlag Kremayr & Scheriau

Sie hat es wieder getan! Margret Greiner hat sich in ihrem neuen Buch wieder auf die Zeit rund um den Maler Gustav Klimt konzentriert. Vorausgegangen sind schon mehrere Bücher über die „Frauen um Gustav Klimt“ :Emilie Flöge, Stonborough-Wittgenstein, Beer-Monti). Nun also galten ihre Recherchen der Familie Primavesi, vor allem Eugenia Primavesi, genannt Mädä, und ihrer Familie, darunter die Tochter Eugenia Gertrude Franziska, ebenfalls Mädä genannt.

Es beginnt recht unterhaltsam: Die gerade einmal 15jährige Eugenia Butschek will Schauspielerin werden. Entsetzen bei der Mutter, Skepsis beim Vater. Wenn sich das Mädchen was vornimmt, dann führt sie es durch. Diese Eigenschaft wird ihr bis ins hohe Alter auch als Eugenia Primavesi erhalten bleiben. Das junge Ding macht Blitzkarriere in Olmütz, wird von dem reichen Unternehmersohn Otto Primavesi verehrt und ziemlich rasch geheiratet. Die Familie Primavesi besitzt eine Zuckerfabrik und ist reich, sehr reich. Eugenia kann nach Lust und Laune Häuser, Villen „bestellen“ und einrichten. Dabei wird sie nicht nur von ihrem Ehemann mit Geld und Verständnis tatkräftig unterstützt, sondern auch von dem Allroundkünstler Anton Hanak und dem Architekt Joseph Hoffmann. Sie setzt sich für deren „Kind“, die Wiener Werkstätte“. ein Gemeinsam mit ihrem Ehemann unterstützt sie diese Kunstrichtung, auch finanziell. Ihr Häuser in Wien und Winkelsdorf werden natürlich nach den strengen Regeln der Wiener Werkstätte eingerichtet und bald zum Zentrum und Zufluchtsort für Gustav Klimt, der auch die beiden Mädä malt (Umschlagbild), den Architekten Joseph Hoffmann und viele andere. Man feiert herrliche Feste bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges hinein. Eugenias Engagement für die Wiener Werkstätte gibt Margrit Greiner Gelegenheit, sehr detailreich diese Kunstrichtung zu schildern. Manchmal etwas zu ausführlich.

Aus verschiedenen Gründen – vor allem aber, weil Eugenia Primavesi als künstlerische Leiterin der Werkstätte sich weigert, eine billige und besser verkäufliche Produktion zu akzeptieren, muss ihr Ehemann , der für die Finanzen zuständig ist, den Konkurs anmelden. Die Ehe wird geschieden, die vier Kinder leben mit der Mutter, werden sich noch in der Nazizeit in alle Welt verstreuen. Tochter Mädä geht nach Kanada, wo sie ein Heim für sozial benachteiligte Kinder gründet und sehr erfolgreich führt. Beide Mädas sterben hochbetagt.

Margret Greiner ist eine versierte Romanbiografie Verfasserin und betreibt vorab intensive Recherchearbeiten, die sie geschickt und oft sehr amüsant in den Text einbaut. Genaue Beobachtung, Menschenkenntnis, gepaart mir Humor und sanfter Ironie sind ihre Stärken. Das Buch ist „lehreich“, ohne belehrend zu wirken.

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Als Kind eines genialen Vaters aufzuwachsen, ist meist eher Last als Lust und Freude. Nur wenige haben es geschafft, über den Schatten des großen Vaters zu springen und eine eigene Karriere aufzubauen, wie etwa die vier Söhne Bachs.

August hatte das Pech, dass er als sensibles Kind nicht die Kraft hatte, sich dem Vater zu widersetzen. Er hätte sicher ohne die Einmischung seines Vaters ein ruhiges, vielleicht auch glückliches Leben geführt. Der Biograf Stephan Oswald zeichnet auf Grund vieler Quellen ein ganz neues Bild von August: Ein Kind, ein junger Mann mit eigenen Interessen und Lebenswünschen. Doch der Vater bestimmt jeden Schritt, der Sohn hat da nichts zu vermelden. Er muss Jus studieren, was er gehorsamst tut. Er wird ein tüchtiger Beamter. Er muss eine Ehe mit einer reichen Adeligen eingehen, die ihn und sie überhaupt nicht glücklich macht. Er trinkt, wird aber kein Alkoholiker, wie allgemein immer angenommen wird. Er stirbt in Rom nicht an der Alkoholsucht, sondern an einer Gehirnblutung.

Stephan Oswald zeigt minutiös und sehr überzeugend auf, wie eine kalte Vaterhand das Leben eines Kindes ruinieren kann. Der große Dichterfürst und einflussreiche Politiker in Weimar benützte seinen Sohn für seine Dienste und Zwecke. Mit dieser Biographie wird das Bild des Sohnes zurechtgerückt. Stephan Oswald gelingt eine längst fällige Korrektur und ein ganz anderer Blick, als man bisher gewohnt ist, auf August von Goethe.

Was der Titel klar macht: Der Einfluss von Christiane Vulpius bleibt unbesprochen. Sie war ihm, soweit bekannt, eine liebevolle und verständige Mutter und versuchte die Kälte des Vaters auszugleichen.

Eine Biografie, die nicht nur für Germanisten und Historiker lesenswert ist.

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Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt und Barbara Neeb

Edna, eine 89jährige Frau, verlässt ihr Heim und macht sich mit ihrem Papagei Emil auf, um in Ravensburg, das viele Kilometer weit im Norden liegt, ihren Freund Jakob aus der Kindheit zu suchen. Der Weg ist lang und beschwerlich, eigentlich unmöglich für Edna zu bewältigen. Sie ist viele Tage unterwegs, wird bestohlen, reist dennoch ohne Geld weiter, findet immer wieder freundliche Menschen, wie Hippies, Esoteriker, Motorradfahrer, die ihre weiterhelfen. Mit Emil in der Transportkiste wird sie da und dort fotografiert, wird berühmt. Als sie in Ravensburg ankommt, ist ihr Freund am Vortag verstorben. Aber ihr Lebenswille bleibt ungebrochen.

In abwechselnden Kapiteln erzählt die Autorin von der unwahrscheinlichen Wanderung Ednas und alternierend dazu von ihrer Kindheit als Schwabenkind. So nannte man all die vielen Kinder, deren Eltern aus Not sie zu reichen Bauern in den Norden zum Arbeiten und Geldverdienen schickten. Viele überlebten diesen „Sklavendienst“ nicht und starben. Jakob und Edna arbeiteten auf demselben Hof. Mit Emil im Tragkorb wollten sie gemeinsam von diesem Schreckensort, den Knechten und dem Großbauer fliehen. Edna gelingt es, doch sie lässt in ihrer Angst Jakob im Stich. Der wird gefangen genommen, kann aber alles überstehen und später eine Familie gründen. Edna und Jakob – eine Kinderfreundschaft in harten Zeiten – ein gutes Thema, aber leider zu langatmig und streckenweise unglaubwürdig. Immerhin – das Thema der „Schwabenkinder“, die Fronarbeit auf fremden Bauernhöfen leisten mussten, wird ziemlich eindringlich geschildert.

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Wer ein Buch von Steinfest in die Hand nimmt, weiß, auf welch Bocksprünge an Ideen, Figurenbeschreibung, Wechsel im Stil und Zeiten -kurz auf ein Maximum an Erzählkapriolen – er sich einlässt.

In diesem Roman übertrifft er sich selbst, liefert dem Leser Reales. scheinbar echte Wirklichkeiten, mit schier Unmöglichkeiten. Schon allein eine Buchhandlung irgendwo auf einem Berg im oberösterreichischen Salzkammergut auf 1.700 Meter Höhe ist eine echte „Schnapsidee“, Die Besitzerin Katharina braucht auch, um in der Wintereinsamkeit überleben zu können, jeden Abend ihren Cognac. Sie ist keineswegs eine Trauersuse, im Gegenteil, packt an, wo es notwendig ist. So zum Beispiel, wenn sie auf ihren einsamen Winterskitouren einen fast erfrorenen Mann findet. Den schleppt sie gegen seinen Willen kurzerhand in ihre Buchhandlung, taut ihn auf und befiehlt ihm zu leben. Was der eigentlich gar nicht wollte, er wollte sterben. Weiß aber nicht, warum. Im Laufe der Erzählung wird ihm bewußt, wer er ist und daß er große Schuld auf sich geladen hat. Er fuhr sturzbetrunken auf der eisigen Straße, der Wagen überschlug sich und seine mitfahrende Tochter war tot. Er hat überlebt, sich irgendwie halb bewußtlos auf den Berg geschlichen, um zu sterben. Katharina nennt ihn Robert, befiehlt ihm zu kochen. Nebenbei entpuppt sich er sich als genialer Schneebildhauer. Er formt die Bergspitze, die sich irgendwie wie ein betrunkener Berg zu verändern scheint. Ein weiterer Pflegefall stellt sich ein und wird von Katharina gesund gepflegt: Die Bergdohle Sharp. Sie wird am Schluss die in einer Höhle Eingeschlossenen durch ihre Rufe und Hinweise retten. Wie im Märchen müssen es ja immer drei Personen sein – in diesem Fall gesellt sich noch die Schnee- und Lawinenforscherin Linda zu den beiden und bleibt. Platz ist genug in der Bücherbude. Im nahen Schutzhaus sind genug Vorräte. Das Leben wird gemütlich. Doch nicht so bei Steinfest! Das Bücherhaus rutscht bei einem Schneesturm in eine darunterliegende Höhle. Katharina und Linda sind eingesperrt. Sharp und Robert, nun heißt er Max, retten die beiden.

Als unnötige, eher als manieristisch-modische Kapriole entpuppt sich der Roman im Roman über einen Priester, der vor mehr als 100 Jahren mit einer Fotografin den Berg bestieg und unter Lebensgefahr das Gipfelkreuz angebracht hat.

Ein heitere Roman? Schon, aber nicht nur. Denn es geht um Schuld, wie man damit fertig werden kann. Sowohl Robert-Max als auch Katharina haben ein Menschenleben auf dem Gewissen.

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Sergio del Molino, Leeres Spanien. Wagenbach Verlag

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Sergio del Molino arbeitete als Journalist für die spanische Zeitung „Heraldo di Aragon“. und war viele Jahre im „leeren Spanien“ unterwegs. Besonders im Ebrobecken, in der Meseta und in der Mancha sind die Dörfer leer, entvölkert. Die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte -vor allem in den Umraum von Madrid – hatte zur Folge, dass 84 % der Bevölkerung heute in den Städten lebt und nur 15% im leeren Spanien. Wenn die Jungen keine Arbeit im ländlichen Raum fanden, wanderten sie in die Städte .- ein Phänomen, das nicht nur in Spanien virulent ist. Als Spanien 1986 der EU beitrat, die ländliche Bevölkerung aber keine Förderungen bekamen, kam es zu bürgerkriegsartigen Bewegungen und man begann sich in Politik und Wissenschaft mit dem Problem zu beschäftigen. Auch dieses Buch – so vermerkt der Autor in der Einleitung – hat an der Bewusstwerdung der Probleme einen großen Beitrag geleistet.

Unter dem Francoregime hatte man nur Verachtung für die ländliche Bevölkerung, konstatiert del Molino. Im „leeren Spanien“ wurden Atomkraftwerke geplant und umweltschädliche Uranminen errichtet. Im Umraum von Madrid entstanden Elendsviertel.

Ein ausführliches Kapitel widmet der Autor dem „Mythos der leeren Landschaft“, gefördert durch das plötzliche Interesse der Städter, die sich ähnlich wie einst Don Quijote auf die Suche nach einer Idylle aufmachten. Eine Suche, die sich nicht realisieren ließ. Noch heute belustigen sich die wenigen Bewohner der Mancha über die Reisenden, die „auf den Spuren Don Quijotes“ durch das leere Land ziehen. Das Verlorensein in einer scheinbar endlosen Weite fasziniert Romantiker, ändert aber nichts an der Lage der Bevölkerung.

Seit Erscheinen dieses Buches 2016 hat sich – so der Autor im Vorwort – doch einiges bewegt. Der Autor hat keine Problemlösungen parat, aber indem er aufzeigt, welche soziale und wirtschaftlichen Folgen die entleerten Landschaften haben, wird zumindest über Lösungsmöglichkeiten nachgedacht.

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Tiziano Scarpa: Stabat mater. Wagenbach Verlag

Aus dem Italienischen von Olaf Matthias Roth

Cäcilia lebt seit ihrer Geburt im „Ospedale della Pietà“, einem der Waisenhäuser Venedigs. Sie weiß nicht, wer ihre Mutter ist, die sie als Säugling vor dem Tor des Ospedale abgelegt hat. Als Cäcilia 16 Jahre alt wird, beginnt sie nach ihrer Mutter zu forschen. Eine Schwester zeigt ihr die Erkennungszeichen, die die Mutter hinterließ. Doch daraus lässt sich kein Schluss ziehen.

Im Kloster legt man größten Wert auf Musik. Alle Kinder werden musikalisch gefördert. Cäcilia ist besonders begabt. Ihr Geigenspiel erregt auch bei dem neuen Musikmeister und Komponisten (Antonio Vivaldi) Interesse. Er möchte sie zu seinem Star machen, was aber hieße, dass Cäcilie auf ein Leben außerhalb der Klostermauern verzichten müsste. Sie lehnt das Angebot ab, zieht sich Männerkleider an, besteigt ein Schiff Richtung Griechenland, wo sie hofft, ihre Mutter zu finden.

Tiziano Scarpa wählt ein gehobene, sehr feministische Sprache, in der er Cäcilia die Briefe verfassen lässt. Des öfteren allrdings beschwert das Pathos das Lesen. Interessant wäre für den Leser zu erfahren, ob die in dem Roman geschilderten Lebensumstände der Mädchen historisch belegt sind. Etwa, dass die Mädchen nur selten das Kloster verlassen dürfen. Wenn, dann nur unter strengster Bewachung und von oben bis unten verhüllt. Nur ein Augenschlitz ermöglicht ihnen eine schmale Sicht auf die Welt. Weitere strenge Lebensregeln werden geschildert. War das Leben tatsächlich so engmaschig nur auf Musik ausgerichtet? „Wir sind lebendig gleichsam in einem Sarg aus Musik begraben“ (73) schreibt Cäcilia an die unbekannte Mutter. Zu öffentlichen Messen spielen sie alle mit Maske – ihre Körperlichkeit soll verleugnet werden, um die Zuhörer – meist Männer – nicht vom Hören ablenken. Aufbegehren gilt nicht. Sie sollten lieber dankbar sein, leben zu dürfen. Früher wären die unehelichen Kinder gleich nach der Geburt ertränkt worden wie junge Katzen, erklärt eine Schwester dem geschockten Mädchen.

Der Roman lebt von den poetischen, manchmal stark überhöhten Bildern und fordert dem Leser einiges an Geduld ab. Über Venedig selbst erfährt man wenig.

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George Saunders, Bei Regen in einem Teich schwimmen. Luchterhand Verlag

Untertitel: Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen.

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

Für Bücherwürmer, Büchernarren, Bücherabhängige, Neugierige, Gierige – also für alle, die gerne lesen, ist dieses Buch ein MUSS!

Immer wieder frage ich mich, warum ich ein Buch von der ersten Seite an mag. Welche Tricks stecken dahinter? Wie stellt es der Schriftsteller an, den Leser bei den Seiten zu behalten? George Saunders lehrt Literatur und Schreiben an der Syrakuse University / New York. Dass er weiß, wie ein Autor seine Leser bei der Stange hält, merkt man sofort. Als „Einführung“ in die Geheimnisse, die einen guten Schriftsteller ausmachen, legt er als Kostprobe die Erzählung „Auf dem Wagen“ (1897) von Anton Tschechow vor. Dann stellte Saunders die richtigen Fragen, die in das Innere der Schreibgeheimnisse Tschechows führen. Das geschieht nicht lehrerhaft, sondern ganz nah am Leser und mit viel Humor. Sechs weitere Erzählungen folgen, die allesamt von den großen russischen Erzählern, wie Tschechow, Turgenjew, Tolstoj und Gogol stammen. Es empfiehlt sich, nicht alle Erzählungen und deren „Lösungen“ auf einmal zu lesen. Am besten man liest eine mehrmals, lässt die Fragen und Deutungen auf sich wirken, lässt sie „rasten und reifen“. Eine Weile später entscheidet man sich für die nächste. Eine gute Torte verschlingt man ja auch nicht auf einmal!

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Carsten Henn, Der Buchspazierer. Pendo Verlag/Piper Verlag

Carsten Henn widmet diesen Roman allen „Buchhändlern und Buchhändlerinnen. Selbst in der Krise versorgen sie uns mit einem ganz besonderen Lebensmittel“.

„Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ein Resonanzkörper wie die Seele eines Lesers“ – diesem Motto von Stendhal, dem Roman vorangestellt, kann der Leser vertrauen – es löst sich wie ein gegebenes Versprechen Seite für Seite ein.

Bücher über Bücher zu schreiben ist ein Trend. Elke Heidenreich, George Saunders oder Ruth Ozeki – um nur einige zu nennen, haben sich diesem Thema in verschiedenster Weise genähert. Für Carsten Henn ist ein Buch tatsächlich Leben und Lebensmittel. Es gibt dem Leser Ruhe, vor allem dem einsamen Leser. Einsamkeit ist Henns Hauptthema. Schon im „Die Geschichten des Bäckers“ geht es darum, Menschen zu zeigen, die ohne Liebe vereinsamen. Der Bäcker weiß darum und hilft mit seinen Geschichten.

Auch Carl, der Buchspazierer, weiß um die Einsamkeit der Menschen. Jeden Abend packt er Bücher liebevoll ein und marschiert mit ihnen zu seinen Kunden, reicht ihnen ein stückweit Trost, Hilfe. Carl könnte längst schon in Pension gehen. Aber er hängt an seinem Beruf als Buchhändler. Seit die Tochter des Ladenbesitzers das Geschäft übernommen hat, droht ihm die Entlassung. Aber unbeirrt davon marschiert er mit seinen Büchern von Kunde zu Kunde. Bis eines Tages sich ein zehnjähriges Mädchen ihn ungebeten begleitet. Sascha ist ein wenig altklug, gewitzt und versteht sehr schnell, dass auch Carl unter Einsamkeit leidet. Sie lehrt ihn, das Leben anzupacken.

Vielleicht tut so mancher Leser das Buch als „Jugendlektüre“ ab. Als gute zwar, aber lässt sich deshalb nicht so richtig auf den Inhalt ein. Mancher mag vielleicht „Kitschalarm“ orten. Aber solche Leser wollen die Botschaft der tiefen Menschlichkeit nicht wahrhaben. „Weißt du, die Menschen vergessen immer mehr zu lesen. Dabei sind Menschen zwischen den Deckeln, ihre Geschichten. In jedem Buch ist ein Herz, das zu pochen beginnt, wenn man es liest, weil das eigene Herz sich mit ihm verbindet“, erklärt Carl dem Mädchen (S46). Ja, es menschelt in den Büchern von Carsten Henn. Manchmal vielleicht sehr sogar. Und unsere Zeit ist dafür nicht immer gemacht, solche Bücher zu lesen, ihre Botschaft zu akzeptieren. Aber gerade deshalb sind Henns Bücher wichtig.

http://www.pendo.de und http://www.piper.de

Ileana Cotrubas und Manfred Ramin: Die manipulierte Oper. Verlag Der Apfel

Ein Buch, das jeder Kulturinteressierte gelesen haben muss. Welch Erleichterung, dass endlich Autoren, die es wissen, weil sie die Misere am eigenen Leib erfahren mussten, offen über die Krankheit „Regietheater“ schreiben und hinter die Kulissen blicken. Was übrigens für die Oper gilt, gilt für jedes Theater. Wie ich schon andernorts schrieb, gibt es gutes Theater und Regietheater. Letzteres ist zunehmend unerträglich geworden

Ileana Cotrubas war seit den 1970er Jahren auf allen Opernbühnen der Welt zu Hause, sang Susanna, Manon, Violetta und viele andere Partien. Manfred Ramin war Dirigent und managte die Karriere seiner Frau. Beide sind also mit dem Opernbetrieb bestens vertraut. Und sie haben den Mut, über den Missbrauch zu schreiben. Regisseure – und sie nennen bekannte Namen wie Neuenfels, Kusej oder Calixto Bieito – missbrauchen das Werk, um durch skandalöse Inszenierungen zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen zu werden. Je skandalöser eine Inszenierung ist, desto mehr steigt der Ruhm des Regisseurs. Die Liste der „Parasitenregisseure“, wie die Autoren sie nennen, kann beliebig verlängert werden. Parasitenregisseure deswegen, weil “ es sich dabei um Gebilde handelt, die aus eigener Kraft nicht existieren können. Sie sind auf einen Träger angewiesen, den sie dann oft überwuchern.“ (S 42)

Die Autoren bleiben nicht an der Oberfläche, sie gehen in die Tiefe des Übels. Das beginnt beim Direktor – welche Regisseure bestellt er? Wann weiß der Sänger, die Sängerin (der Schauspieler, die Schauspielerin), welcher Regisseur inszenieren wird? – Meist viel zu spät, um aus der Produktion noch aussteigen zu können. Warum bestellen Politiker – und hier seien einmal mehr für Österreich Andrea Mayer und Veronika Kaup-Hasler genannt – immer wieder unfähige Direktoren? Interessiert sich die Politik überhaupt für Kultur? Eher sehen die Zuständigen sie als notwendiges Lockmittel für Touristen.

Hoffnung blinkt da und dort auf – erstens durch dieses ungemein wichtige Buch, das man jedem Kulturverantwortlichen auf den Schreibtisch legen und ihn zur Lektüre verpflichten müsste. Dann durch Künstler, wie Nikolaus Habjan oder den Dirigenten Philipp Jordan, die sich offen gegen das Regietheater stellen. Und durch den Kurierjournalisten Thomas Trenkler, der immer wieder in seinen Artikeln auf die fragwürdigen Bestellungen von leitenden Posten in der Kultur hinweist.

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Carsten Henn, Der Geschichten Bäcker. Piper Verlag

Dieses Buch ist eines der wenigen, das einen festen Platz in meinem Regal bekommt. Und oft herausgenommen wird, wenn ich einzelne Seiten lesen will. Oder wenn ich es einem ganz lieben Freund, einer Freundin borgen will. Aber nur denen, die keine Berührungsängste vor Emotionen haben. Ich sage: Endlich ein Buch, das nicht kopflastig, keine detailverliebte Nabelschau ist, das keine Moralpredigten, keine Lebensanleitungen, keine philosophisch-intellektuellen Abhandlungen als Roman verkaufen will – es ist schlicht und einfach ein Buch, das ich von der ersten Seite an liebte. Ich war traurig, als ich es zu Ende gelesen hatte. Eben, weil es zu Ende war. Wenn die Figuren des Buches sich ein wenig zurückziehen und das banale Alltagsleben mich wieder in den Klauen hat. Aber ich sage mir: es gibt die Figuren ja weiter, sie existieren, ich brauche sie nur abzurufen.

Wer sind diese Figuren? Die Tänzerin Sofie: Ihre Karriere als gefeierte Primaballerina wurde durch eine Verletzung abrupt beendet. Sie lebt im luftleeren Raum ohne Plan, ohne Aufgaben. Eine Situation, die vielen schon passiert ist. Wie soll es weitergehen? Ihr Mann ist Choreograph am Theater, wo sie bisher getanzt hat. Er versteht Sofies Rat- und Ruhelosigkeit, Versucht ihr auf seine Weise zu helfen. Aber wie das so ist mit den gutgemeinten Ratschlägen – sie werden zu Schlägen. Da tritt wie ein deus ex machina die Figur des Bäckers Giacomo in ihr Blick- und Lebensfeld. Er behandelt Leben, Menschen und alles Lebendige mit Liebe, Sorgfalt. Besonders auch seinen Teig, Deshalb ist sein Brot das beste weit und breit. Und er bringt Sofie das Brotbacken und die Liebe zum Leben bei. Wie das gehen kann, ist der Inhalt dieses Buches. ZAUBERHAFT!

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Edith Schreiber-Wicke: Im Schatten deiner Flügel.Amalthea Verlag

Schreiber-Wicke ist bekannt als Kinder- und Jugendbuchautorin. In ihrem ersten Buch für Erwachsene beweist sie trockenen Humor, Beobachtungsgabe und Sprachwitz, gepaart mit genauen Recherchen. Als Thema wählte sie die Judenverfolgung in Venedig ab September 1943. Ein unangenehmens Thema, das, so die Autorin im Buch, von vielen bis heute in die Kiste der Vergessens gesteckt wird. Die an der Wiener Oper als Star gefeierte Sängerin Lilly Salomon versteckt sich in Venedig, weil sie – und viele andere auch – meint, dass Mussolini Juden nicht verfolgt. Ein lebensbedrohlicher Irrtum! Im September 1943 werden alle Juden Italiens aufgegriffen und in Lager verschickt. So auch Lilly Salomon. Damit endet der erste Teil der Geschichte, die spannend und interessant geschrieben ist. Immer wieder verbindet die Autorin das Schicksal Salomons mit der Geschichte Toscas, die von Scarpia bedrängt wird. Auch Lilly läuft ihrem Scarpia in die Arme, dem machtbesessenen Conte Montanara. Wenn er sie nicht besitzen kann, will er sie zerstören….Sie wird von der italienischen Polizei abgeführt.

Dann springt Schreiber-Wicke 75 Jahre weiter, ein Toter wird aus der Lagune gefischt. Die polzeilichen Ermittlungen laufen an. Es gibt einen Commissario, eine elegante Assistentin, einen golfspielenden Chef, der sich nicht sehr um die Ermittlungen kümmert, und vieles mehr, das wohl ganz bewusst an Donna Leons Krimi erinnert. Die Parallelen sind gewollt, und es macht Spaß, die zahlreichen déjà -us zu entdecken. Weniger die umständlichen, mit allzu großer Detailverliebtheit geschmückten, wenn auch sprachlich witzigen Beschreibungen und Wiederholungen. Dem Labyrinth der Nachforschngen des Commissario und seinem Team folgt der Leser zwar mit Interesse, aber die Schlingen, Verirrungen, Abschweifungen ermüden ein wenig. Von Lilly Salomon ist kaum mehr die Rede, erst am Schluss gibt es eine Andeutung, dass sie vielleicht überlebt hätte. Ihr (erfundenes) Leben weiter zu erzählen wäre spannender gewesen als die umständlichen Ermittlungen des Commissario. Was man aber wirklich genießt, sind die ironisch-kritischen Blicke, die die Autorin auf Venedig, die Venezianer und die Touristenmassen wirft. Sie kennt diese Stadt wie ihre sprichwörtliche Westentasche!!

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„Wenn sie nicht reitet, schreibt sie Romane“, schreibt der Verlag auf der Rückseite des Covers über Karen Duve. Zum Beispiel einen über Kaiserin Elisabeth. Nein, eher über „Sisi“, gemeint ist die Kaiserin ganz privat. Um allen von vornherein klar zu machen, worum es in diesem Buch geht, zieren die beiden Zirkuspferde der Kaisern, Flick und Flock, das Titelbild. Die beiden wurden von Elisabeth persönlich dressiert – sie sollten aufsteigen und das andere Pferd gleichsam umarmen lernen. Sind ja Zirkuspferde, dachte wohl Elisabeth, die müssen all diese (unnötigen) Dressuren über sich ergehen lassen. Wie wenig Sisi die Pferde liebte, zeigt Duve in den Passagen, wo sie ohne Rücksicht auf Verluste die Pferde bei Fuchsjagden oftmals fast zu Tode hetzt. Sie hätschelt zwar die Pferde, striegelt sie auch manchmal selbst, aber im Grunde ersetzen ihr die Tiere einen Therapeuten und Eheberater. Reiten ist für Elisabeth Obsession, Herausforderung, an die äußersten Grenzen zu gehen, den Kaiserhof und alle Probleme im rasenden Galopp hinter sich zu lassen. Reiten gibt ihr die absolute Freiheit, die Loslösung von allen Bindungen.

Duve beginnt ihre romanhafte Darstellung der viel bewunderten Kaiserin mit der Beschreibung einer dieser grausamen Hetzjagden auf Füchse, wie sie in England damals beliebt waren. Je gefährlicher, je rasanter und wilder so eine Jagd ist, desto wohler fühlt sich Sisi. England galt damals (circa 1870) als das Mekka für Fuchsjagdreiter. Leider sind die Passagen der Jagdschilderungen im ganzen Werk allzu hervorherrschend, bestimmend, da verliert eine Nichtreiterin – so wie ich – schnell das Interesse an den überpräzisen Beschreibungen, angefangen von Kleidung bis zur Jagd- und Gesellschaftsordnung. Denn es ist klar, da darf nicht Hinz und Kunz mitreiten. Man kann ja über diese ausführlichen Passagen hinweglesen, denn Karen Duve liefert daneben noch genügend interessanten Stoff: Da lesen wir keinen Funken von Verehrung für die Kaiserin. Duve lässt sie als kaltherzig und nur auf ihren Vorteil bedacht erscheinen, als eine Frau, die dank ihrer Position über das Leben anderer bestimmt. Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, entreißt sie ihre Nichte Marie Louise ihren Eltern und Freundeskreis, um sie zu einem ihr hörigen Geschöpf zu erziehen. Über die Hofdamen Marie Festetics und Ida Ferenczy bestimmt sie, als wären sie ihr Eigentum. Mit welcher Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit sie ihrem Sohn Rudolf und ihrem Ehemann gegenüber agiert, lässt beim Leser manchmal Zweifel aufkommen, ob er es mit einer Biografie zu tun hat oder nicht doch eher einem Roman. Doch die Autorin beruft sich im Nachwort auf verlässliche Quellen. Sie scheint, wie so viele Menschen damals wie heute, zwischen Bewunderung – was die Reitkünste betrifft auf jeden Fall – und ironischer Ablehnung gegenüber der Kaiserin zu schwanken. Auf jeden Fall bereitet die Lektüre dem voyeuristischen Leser – und das sind wir im Grunde ja alle – großes Vergnügen.

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Giulia Caminito: Das Wasser des Sees ist niemals süß. Wagenbach

Chapeau der Übersetzerin Barbara Kleiner, die diesen geborstenen Staudammwortschwall an Bösartigkeiten ins Deutsche übersetzte.

Und Chapeau natürlich der Autorin, die immer neue, noch grauslichere Bilder für die Wut, den Frust der Hauptakteurin erfand.

Und natürlich Chapeau allen Lesern, die diesen Schwall an Hass lesen. Man glaubt bei der Lektüre, all dieser unaufgestaute Hass, den Gaia den Mitmenschen ins Gesicht und dem Leser in die Seele spuckt, schleudert, bleibt an der Haut kleben, lässt sich nicht mehr abkratzen. Es ist zu empfehlen, dieses Buch nicht vor dem Einschlafen zu lesen. Albträume sind erwartbar.

Gaia wächst in engsten Verhältnissen in einem kleinen Ort am Braccianosee auf. Mutter Antonia hält mit Putzen die Familie beisammen, so gut es geht. Gaia rebelliert gegen die Mutter, ihren Perfektionismus. Zugleich aber möchte sie ihr beweisen, dass sie das Leben besser im Griff haben wird: durch Bildung. Sie strebert, strebert sich aus der Verachtung der Mitschüler in eine gewisse Achtung hinauf. Doch wirklich ist niemand an ihrer Seite. Auch nicht Iris, die alles für diese seltsame Außenseiterin tut. Wenn Gaia von irgendjemandem enttäuscht wird, dann rächt sie sich – einmal durch Brandschatzung, ein andermal durch versuchten Mord, Als Leserin konnte ich dieser Figur nur eingeschränktes Verständnis entgegenbringen, gerade so viel, wie man für ein schizophrene Person hat. Und irgendwie will die Autorin auch klarmachen, dass wir es mit einer Kranken zu tun haben. Die Wellen der Wut kommen abrupt, sie bleiben lange und vernichten viel. Für dieses Buch braucht man einen langen Atem, viel Geduld, um all diese Hasstiraden auszuhalten. Bewundernswert ist das reiche Repertoire an Bildern für die Hasszustände. Allerdings – so überbordend – ermüden sie die Geduld des Lesers. Weniger wäre mehr!

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Leila Slimani: Schaut, wie wir tanzen

Aus dem Französischem von Amelie Thoma. Luchterhand Verlag

Im ersten Teil ihrer Romantrilogie „Das Land der anderen“ erzählt die Autorin die Geschichte ihrer Großeltern in Romanform: Mathilde aus dem Elsass verliebt sich am Ende des 2. Weltkrieges in den marokkanischen Soldaten Amine. Die beiden heiraten und ziehen nach Marokko. In diesem Band ihrer Familiengeschichte fokussiert Slimani das Geschehen auf die beiden Protagonisten – die Frage nach der Akzeptanz des anderen, lässt die Traditionen und Gewohnheiten des jeweils anderen aufeinanderprallen und doch auch irgendwie verschmelzen..

In „Schaut, wie wir tanzen“ bleibt sich Slimani ihrem Stil der nüchternen Berichterstattung noch mehr treu als im ersten Teil. Sie streut oder verstreut das Geschehen auf mehrere Personen, jede davon ist ein Puzzle in der Entwicklung, die Marokko nach der Unabhängigkeit 1956 nimmt. Slimani steigt mit der Machtübernahme des König Hussein II. in das Geschehen ein. Sie aktiviert die bekannten Figuren Mathilde und Amine als Vertreter der reichen Grundbesitzer, die von der aktuellen Entwicklung Marokkos ab 1956 keine Ahnung haben (wollen). Amine wird immer reicher, aber er und auch Mathilde haben die Ausrichtung ihres Lebens aus den Augen verloren: Ihr Sohn Selim ist in der Hippieszene verkommen und landet irgendwo in Amerika. Die Tochter Aisha ist nach ihrem Medizinstudium in Straßburg in die Heimat zurückgekehrt. Sie heiratet den mächtigen Staatsbeamten Mehdi, einst ein vielversprechender Schriftsteller und Kämpfer für Freiheit. Beide führen in Rabat ein Leben nach westlichen Vorbildern: Sie arbeiten, geben Einladungen, gehen auf Partys und haben ein Sommerhaus am Meer.

Über allem steht als grausamer Wächter König Hussein II, Er hat alle demokratischen Bestrebungen ausgetilgt, überlebt zwei Attentate und lässt sich wie ein Gott verehren.

Unter all diesen Reichen, Pseudomächtigen und Möchtegernmitläufern leben die Hausmädchen, die Taglöhner und die Heerschar von Bettlern. Hussein will keine Intellektuellen, die schreiben nur unnötige Bücher und schüren den Aufstand. Sie werden öffentlich hingerichtet. Die Hinrichtungen werden im Fernsehen zur Hauptsendezeit übertragen. Das Volk soll Angst haben. Diese angstbesessene Zeit und diese verlorene Generation der 60er Jahre seziert Slimani in kurzen, harten Sätzen. Verschmuste Weichzeichnung war ja bekanntlich noch nie ihr Anliegen.

Es empfiehlt sich, beide Bände kurz nacheinander zu lesen. So bleibt man mit den Figuren auf verrautem Fuß.

Luchterhand. Der Literaturverlag. (penguinrandomhouse.de)

Das Buch ist kein Pageturner im üblichen Sinn. Ganz einfach, weil jeder Satz, jeder Absatz zu kostbar ist, um rasch verschlungen zu werden. Alex Capus ist ein Meister der feinen Klinge, baut Leseminiaturen, die aneinandergereiht eine Perlenkette von preziosen Gliedern ergeben.

Es ist kein Roman, auch keine Romanbiografie. Ich würde es am ehesten eine poetische Biografie nennen. Capus erzählt die Geschichte von Susanna Faesch, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Basel geboren wurde. In der (damaligen) Kleinstadt herrscht bigotter Trübsinn, Lebensfreuden sind verpönt. Ihr Vater – ehemaliger Legionär, ihre Mutter eine geistig immer Abwesende. (Köstlich die Szene, in der die Mutter mit Mozartmusik die Moralpauken ihres Mannes ausblendet). Ein wenig Abwechslung bringt Karl Valentiny, ein ehemaliger Kriegskamerad des Vaters. Susanna ist ein eher unauffälliges Kind. Ihre Willenskraft jedoch erstaunlich groß. Als die Mutter eines Tages beschließt, dem nach New York abgereisten Karl Valentiny gemeinsam mit Susanne nachzureisen, nimmt das Kind das gleichmütig auf. Nach dem Vater und den 2 Brüdern sehnt sie sich sowieso nicht. Nun schildert Capus mit eindringlicher Präzision, ohne je dem Recherchewahn zu verfallen, die Entwicklung dieses erstaunlichen Mädchens, das mitten in der größten Industrierevolution (Elektrizität, Eisenbahn,, Dampfschiff) aufwächst Sie wird Porträtmalerin, heiratet und bekommt einen Sohn. Doch eines Tages wird ihr das bürgerliche Leben zu eintönig, sie packt ihren inzwischen 13-jährigen Sohn und bricht in den „Wilden Westen“ auf, um Buffalo Bill kennenzulernen und ihm das Bild, das sie von ihm gemalt hat, zu übergeben.

Der Reiz dieser Biografie liegt einerseits in der unaufgeregten Nüchternheit, mit der Capus den eigenwilligen Weg Susannas aufzeichnet, und andrerseits in der bis ins Detail feingesponnenen Sprache, die den Leser überall hin mitnimmt. Es ist ein Werk, das man nur ungern weglegt. Am Ende angekommen, hat man Lust, sofort wieder neu zu beginnen.

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Sara Mesa: Eine Liebe. Wagenbachverlag

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Eine Liebe soll das sein? – Eher eine Obsession, die in Selbstauflösung endet. Sara Mesa schildert in einer kristallklaren Sprache gnadenlos die Zerstörung einer Persönlichkeit. Die Ursachen sind nicht ganz einfach auszuloten. Nat, so die Hauptfigur, hat sich irgendwie freiwillig in ein Dorf irgendwo in Spanien katapultiert. Dort ist das pure Nichts: ein paar Häuser und sehr neugierige, subtil zudringliche Nachbarn. Auch die nächste Kleinstadt ist trostlos.

ZU Beginn des Romans denkt man an Juli Zehs Romane über die Stadtflüchter („Über Menschen“ und „Unterleuten“): Oje, schon wieder ein Roman über die Enttäuschungen, die Städter in trostlosen Dörfern erleben. Doch dann gewinnt Nats Geschichte an Fahrt: Die Menschen rund um sie werden ihr unheimlich, sie kann nicht „warm werden“, will nicht an ihren Gartengrillpartys teilnehmen. Die Männer, so ihr Eindruck, betrachten sie lüstern, der Vermieter ist ein echter Ungustl. Das Haus eine Katastrophe. Doch sie bleibt – trotz aller Unannehmlichkeiten. Als sich „der Deutsche“ – so wird er von den Bewohnern genannt – ihr einen seltsamen Vorschlag macht, ist sie schockiert: Er reapariert das Dach ihres Hauses, dafür möge sie ihn „einmal kurz reinlassen“, wie er den Sexualakt umschreibt. Sie geht auf den Vorschlag zunächst aus kühlem Kalkül ein. Aus dem Kalkül wird Gier nach Sex. Sie kann von ihm nicht mehr lassen, auch nicht, als er diese seltsame Beziehung beendet. Und die Dorfbewohner wissen natürlich davon und schneiden sie. Als ihr Hund dann noch das Nachbarmädchen ins Gesicht beißt, wird sie von allen gemieden, ja sogar indirekt bedroht. Noch immer fragt man sich, warum sie bleibt: Der Selbstzerstörungstrieb hat sie in diesen Unort getrieben. Der Leser bekommt immer mehr den Eindruck, alles was um sie und mit ihr passiert, treibt sie in ein Nichts, das sie gewünscht und gesucht hat. Das offene Ende ist grandios, passend zu dieser grandiosen Analyse einer Frau, die sich selbst aufgibt.

Mit feiner Beobachtungsgabe schildert Mesa die Reaktion der Dorfbewohner. Wie mit einem Skalpell legt sie die Intrigen, die Mißgunst und den Neid bloß. Nat soll sich entweder fügen, einfügen oder verschwinden. Sie verschwindet auf ihre Weise.

Packend, nachdenklich machend. Ein Buch, das provoziert! Gut so!

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Mario Giordano, Terra di Sicilia. Goldmann Verlag

Untertitel: Die Rückkehr des Patriarchen

Nein, es ist kein Mafiaroman, wie der Untertitel vermuten lässt. Der Patriarch ist Barnaba Carbonaro, ein armer Schlucker, geboren 1890 in Taormina, lange bevor die Stadt zum Nobeltreff von Künstlern, Schwulen und Reichen wurde. Barnaba wächst in ärmlichsten Verhältnissen auf, der Vater verschiwndet, die Mutter verdient ein paar Lira als Heilerin. Der Bub hat es bald heraußen, dass man beim Baron von Gloeden ein bisserl was verdienen kann, wenn man sich nackt fotografieren lässt. Das tut nicht weh, und er lernt dabei einiges. (Von Gloeden wird später mit seinen Nacktfotos berühmt werden und die Schwulenszene in Taormina befördern.) Doch das Geld reicht nie, er schuftet in den Olivenhainen. Als er größer wird und sich verliebt, träumt er davon, für seine Angebetete ein Hotel zu eröffnen. Daraus wird nie etwas. Die Angebetete entschwindet mit seinem „Freund“, dem adeligen Ruggero.

Was Barnaba exzellent kann, ist blitzschnell rechnen. Bevor andere den Bleistift zücken, hat er schon alles ausgerechnet. Obwohl er nicht lesen und schreiben kann, gelingt es ihm schon in jungen Jahren, in das Orangengeschäft ganz groß einzusteigen und in Deutschland die Nummer 1 auf dem Großgrünmarkt zu werden. Dazwichen heiratet er, zeugt vierundzwanzig Kinder, tötet einen Mann. Und am Ende verliert er alles, alles, nur nicht seinen Mut und Stolz. Bis zu seinem Tode wird er optimistisch und weltoffen bleiben.

Mario Giordano erzählt auf 500 Seiten seine spannende Familiengeschichte, wobei er betont, dass er einiges dazu erfunden hat. Denn schließlich ist es ein Roman und keine „Familiensaga“. Mit einer Sprache, die zwischen Witz, leisem Humor und feiner Poesie oszilliert, entführt uns der Autor in ein Sizilien, das aus vielen Armen, die schufteten, ein paar Großverdienern, wie die Familie Florio (deren Imperium existiert heute nur mehr rudimentär) und einem trägen Adel, der sich beim Untergehen zuschaut und nichts dagegen unternimmt, bestand. Wer Sizilien nur ein bisschen kennt, dem fällt auf, dass sich nicht allzu viel geändert hat. Viel von der sizilianischen Tradition ließ der Autor hineinfließen, etwa die genaue Beschreibung der Arbeit in den Orangenhainen, alte Lieder und Sprichwörter und auch den bis heute noch vorandenen Glauben, dass die Toten mit den Lebenden noch eine Weile zusammen bleiben. Aber Giordano ist kein Opfer seiner Recherchen, wie so viele Autoren, die dem Leser ihre Recherchearbeit ganz ungefiltert aufbrummen. Giordano versteht es, all sein Wissen über Sizilien, das Orangengeschäft und die Bedeutung der Familie so spannend zu verarbeiten, dass man traurig ist, wenn der Roman zu Ende ist. Im Nachspann verspricht der Verlag eine Fortsetzung!!

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Stefan Hertmans: Der Aufgang. Diogenes

Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm

Der Verlag nennt das Werk einen Roman. Er ist aber eher eine historische Dokumentation in Erzählform. Der Autor hat die Fäden in der Hand, er zählt über die Spuren, denen er nachgeht. Leser, wie ich, mit der Geschichte der Niederlande nur in großen Zügen vertraut ist, der wird sich bald in den Irrgängen der Recherchen ein wenig überfordert fühlen.

Stefan Hertmans hat in der belgischen Stadt Gent ein altes Haus gekauft, zieht nach Jahren wieder aus und erfährt, dass einst ein gewisser Willem Verhulst mit seiner Familie dort gewohnt hat. Seine Recherchen ergeben, dass dieser Verhulst ein ganz übler Nazikollaborateur war. Er ließ durch seine Spione Listen von Bürgern erstellen, die gegen die deutschen Besatzer waren. Durch diese Zusammenarbeit mit den Deutschen gewann er großen Einfluss in der Stadt und sah ungerührt zu, wenn die von ihm genannten Menschen verhaftet, deportiert oder hinggerichtet wurden. Das wirklich Interessante an dieser Geschichte sind aber seine Frau und seine Kinder. Seine Frau Meintje ist sehr gläubig und aus tiefstem Herzen Pazifistin. Wie kommt sie mit so einem Mann zurecht? Es ist ihr Glaube, der ihr hilft, das alles zu überstehen. Obwohl sie einiges ahnt, was Willem so treibt und sie Hitler und die Nazis aus tiefstem Herzen verachtet, hält sie zu ihm und besucht ihn sogar nach Kriegsende im Gefängnis, wo er für seine Taten sitzt. Sie hält alles aus, bleibt in ihrer Haltung unerschütterlich und gibt das ihren Kindern weiter. Die müssen damit leben lernen, dass ihr Vater ein Nazicollaborateur war. Stefan Hertmans weiß diese Frau sehr sensibel zu beschreiben und macht es auch glaubwürdig, dass sie bis zum Tod des Mannes zu ihm steht. Diese Seite des „Romanes“ ist am berührendsten, weil es vom Klischeebild einer von Nationalsozialismus geprägten Familie durchaus abweicht.

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Nell Leyshon, Ich, Ellyn. Eisele Verlag

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

„Ich lieg auf heu was süß riecht und nach totsommer und ich horche und weinen kommt wieder..“ So beginnt der Roman, – unverkennbar Nell Leyshon. Man erinnert sich sofort an“Die Farbe von Milch“ – in beiden Werken beschreibt Leyshon den Weg eines jungen Mädchens aus der Enge eines Bauernhofes hinaus in die WElt, in der es Sprache gibt. Leyshon gelingt in beiden Romanen das Unwahrscheinliche: Sie greift auf eine „Unsprache“ zurück, in der sich die Mädchen nicht ausdrücken können, im Unvermögen des Sprechens stumpf bleiben, bis sich alles ändert und sie mit der zunehmenden Ausdrucksfähigkeit nicht nur die Welt sich erweitert, sondern sie auch zu einem Selbstbewußtsein finden, das sie mutig macht.

England 1573, irgendwo in der Einöde. Da wächst Elly heran, weiß nichts von sich, von der Welt rundum, kennt nur das Schuften, die Plage und Hunger. In der Familie wird nur das Nötigste geredet – meist nur Arbeitsbefehle oder kurze Gebete. Eines Tages entdeckt Elly die Musik und den Gesang. Sie ahmt nach, entdeckt, dass sie „singen“ kann. Heimlich verlässt sie den Bauernhof und macht sich auf in die Singschule. Mutig verkleidet sie sich als Bub, um aufgenommen zu werden. Sie lernt lesen, schreiben und vor allem -singen. Die Musik bedeutet ihr alles. In ihr wächst mit dem Selbstbewusstsein auch die Sprache. Für den Leser fast unmerklich lässt die Autorin Elly aus der Hilflosigkeit des Ausdrucks in eine zarte poetische Sprache gleiten. Als Elly am Höhepunkt ihrer Ausbildung ist, gibt sie ihre Identität als Mädchen preis und muss die Schule verlassen. Aber sie ist mutig geworden und hat Stolz und selbstsicher verkündet sie am Ende: “ Ich komme dich holen. Ich, Ellyn, ich komme dich holen, Agnes.“ Sie wird ihre kleine, über alles geliebte Schwester Agnes aus dem Elend des Bauernhofes herausholen.

Ein Roman voller Poesie und starker Aussagekraft, in dem man hineinkippt und irgendwie froh und getröstet wieder in den Alltag zurückkehrt.

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Harald Lesch und Klaus Kamphausen:Über dem Orinoco scheint der Mond. Penguin Verlag

Untertitel: Warum wir die Natur des Menschen neu begreifen müssen, um die Welt von morgen zu gestalten.

Titel und Cover verraten bereits, dass es um eine romantische, an die Seele des Menschen und der Natur anrührende Diskussion um den traurigen Zustand der Welt geht und welcher Ausweg aus dem Dilemma sich bietet. Die Gründe, warum die Welt am Rande des Kippens steht, sind bekannt, werden von den Autoren in bekannter Weise angeführt: Die Gier des Menschen nach mehr und immer mehr, die Schwächen, das Unvermögen der Politik, die Digitalisierung, die uns immer weiter in eine technische Abhängigkeit treibt, und immer weiter weg vom Ursprung – nämlich der Natur in ihrem ureigensten Sinn. Es werden große Naturforscher, wie Humboldt, Mathematiker, wie Gödel, Philosophen wie Kant und Schopenhauer aufgerufen. Sie alle werden zitiert, wenn es um den Begriff Natur und Welt geht. Letztendlich geht es den Autoren darum, klar zu machen, dass wir nur Gast auf dieser Welt sind, sie gehört uns nicht. Und die Verantwortung für das WEiterbestehen trägt jeder einzelne und darf nicht den nächsten Generationen überlassen werden. Im Grunde nichts Neues, nur gut in einen romantischen Rahmen verpackt: Die Gespräche finden am Ufer des Orinoco statt, der Mond geht irgendwie romantisch auf, die Moskitos sind real und lästig.

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Massimo Carlotto: Die Frau am Dienstag. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Obwohl es um Mord und allerlei dunkle Machenschaften geht, schreibt Carlotto keinen Kriminalroman, sondern ein „Kriminalmärchen“. Denn alles, was sich abspielt, ist so irreal, dass man es nur für eine Märchenform halten kann. Im Zentrum steht eine Ex-Prostituierte, die für einen Mord angeklagt und verurteilt wird, den sie nicht begangen hat. Sie ist schön und irgendwie märchenhaft unschuldig, was gleich mehrere Beschützer auf den Plan ruft: Einen Anwalt, der ein schlechtes Gewissen hat, dass er ihr nicht helfen konnte und ihr nach der Entlassung Wohnung und ein neues Leben schenkt. Er verlässt seine Familie, die er liebt und zieht zu der Schönen. Die beiden haben keinen Sex miteinander, sie leben wie gute Freunde zusammen. Das ist schon der erste märchenhafte Einschlag. Dann gibt es da noch einen zweiten Beschützer, einen mit Cowboyhut und Stiefeln. Er ist geheimnisvoll, taucht immer wieder in schwierigen Situationen wie ein deus ex machina auf, um die Schöne zu retten. Weiters sind in den Fall, der zuerst einmal keiner ist, ein Transvestit und Besitzer einer Pension, wo bunte Vögel Unterschlupf finden. und ein EX-Pornodarsteller, der immer weint, verwickelt. Das alles zusammen ergibt ein unentwirrbares Knäuel. Letztendes geht es um die Frage, ob eine Person, die einer Tat fälschlicher Weise verdächtigt wird, irgendwann und irgendwo ihre Ruhe vor der Meute der Medien und der Polizei findet. Ein Thema, das durchaus relevant in der heutigen Zeit ist und einen klareren Text und Wachruf verdient hätte.

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Margret Greiner: „Mutig und stark alles erwarten“ Elisabeth Erdmann-Macke – Leben für die Kunst. btb Verlag

Durch ihre sensible Sprache und die intensiven Recherchen gelingt es Margret Greiner immer wieder, in die Tiefen einer Persönlichkeit hinabzutauchen. Es sind die mutigen Frauen, die ein Leben außerhalb jeglicher Norm führten, die Margret Griener in ihren Romanbiografien lebendig werden lässt.

Elisabeth Gerhardt wächst in einer gutbürgerlichen Familie auf, bekommt die beste Erziehung. Sie ist schön, aber völlig uneitel. Sie ist begabt, ohne damit aufzutrumpfen. Später, in ihrer Ehe mit dem Maler August Macke, wird sie seine Beraterin, Muse und Mitgestalterin werden, ohne je auch nur ein Zipfelchen vom Ruhm für sich zu beanspruchen. Deshalb ist es gut, dass Margret Greiner diese Lichtgestalt an das „Licht der (breiten) Öffentlichkeit“ hebt. Wie schon in ihren anderen Romanen nutzt sie ihr übervolles Wissen und stülpt es gleichsam als unsichbaren Mantel um die Figur Elisabeths. Nur manchmal, besonders in den ersten 70 Seiten, werden die Details über das Stadium des Verliebtseins zu häufig und überschwänglich. Ja, man hat schon begriffen, dass August Macke und Elisabeth Gerhardt füreinander bestimmt waren, wie das so allgemein heißt. Aber da wird halt ein bisserl viel gejubelt, gesungen, Gedichte vorgetragen. So manche Leserin (ich zum Beispiel) denkt dabei, dass es genug sei.

Aber dann, als das Leben von Elisabeth – nun schon lange Macke, gut verheiratet und Mutter zweier Söhne – Stärke abverlangt, als ihr geliebter August 1914 an der Front fällt, da besiegt Elisabeth die Trauer und Margret Greiner die liebliche Sprache. Elisabeht sagt sich täglich vor: dass sie für die Familie, die Freunde, die sie brauchen, da sein muss. Und vor allem sorgt sie sich um das Werk ihres Mannes, das geschützt werden muss. Ab diesem Zeitpunkt wird aus der heiter durchs Leben zwitschernden und musizierenden Elisabeth Macke eine zupackende Erdmann-Macke. Denn sie hat beschlossen, ihre Söhne brauchen einen Vater, sie einen Mann im Haus. Kurzum sie heiratet Mackes besten Freund Lothar Erdmann, bekommt von ihm einen Sohn und eine Tochter. Doch Lothar leidet an Depressionen, ist unsicher, fühlt den übergroßen Einfluss, den August Macke auch nach seinem Tod auf die Familie hat. Elisabeth ist diejenige, die das Leben packt. Als ihr über alles geliebter Sohn Walter an einer schweren Krankheit srribt, auch da findet sie wieder zu sich. Sie ist Zentrum, lenkt ihre Familie durch die Wirren des 2. Weltkrieges und überwindet auch den Tod ihres zweiten Mannes und ihres Sohnes Wolfgang. Sie bleibt stark, widmet sich der Rezeption der Bilder ihres Mannes, organisiert Ausstellungen, erlangt spät, aber doch als „Witwe Mackes“ eine Berühmtheit, die sie mit Genugtuung erfüllt, weil endlich nach langen Kämpfen das Werk August Mackes den Stellenwert in der Kunstszene bekommt, der ihm gebührt. Sie starb im März 1978 im neunzigsten Lebensjahr.

Margret Griener liefert nicht nur eine dichte Biografie, sondern entwirft zugleich auch ein weit umfassendes Porträt der Zeit von 1900 bis 1978, also fast eines Jahrhunderts. Sie forschte unermüdlich alle Freunde aus, die mit Elisabeth und August innigen oder auch nur losen Kontakt hatten, verfolgt alle Spuren der Künstler und Literaten, die für das Kunstgeschehen rund um August Macke relevant waren. Die erste Hälfte des Buches ist fast mehr ein Buch über Macke, seine Art,das Leben und die Kunst zu sehen, als über Elisabeth. Insgesamt schuf Margret Greiner weit mehr als eine Biografie, fast schon ein Kompendium an lebensvollen Zeugnissen aus dieser Zeit.,

http://www.btb-verlag.de

Margret Griener liefert nicht nur eine dichte Biografie, sondern entwirft zugleich auch ein weit umfassendes Porträt der Zeit von 1900 bis 1978, also fast eines Jahrhunderts. Sie forschte unermüdlich alle Freunde aus, die mit Elisabeth und August innigen oder auch nur losen Kontakt hatten, verfolgt alle Spuren der Künslter und Literaten. Das Buch ist mehr als eine Biografie, es ist ein Kompendium an lebensvollen Zeugnissen aus dieser Zeit.,

http://www.btb-verlag.de