Aus dem Französischen von Amelie Thoma

Gleich vorweg: Ich schätze Leila Slimani überaus. Ihre beiden Bücher „Das Land der Anderen“ und „..dann schlaf auch du“ sind mehrlmals gelesene Schätze meiner Bibliothek. Aber – leider – mit diesem Buch konnte ich nichts anfangen. Schon das über Seiten gehende Lamento über die Schreibhemmung langweilt! Es gibt ja kaum einen Schriftsteller, der die Schreibblockade nicht schon einmal zum Thema seines nächsten Buches machte. Motto: Wenn dir nichts einfällt, dann schreib darüber, dass dir nichts einfällt. Leider heißen diese alle nicht Goethe oder Thomas Mann, die dieses Thema über das persönliche Dilemma hinausgehend zu einem Weltbuch machten. (Faust 1, Der Tod in Venedig)

Nun zu Slimanis Buch. Ist die Not am größten, dann gibt es immer einen deus/ eine dea ex machina. In diesem Fall die Verlegerin: Sie schickt Slimani nach Venedig, wo sie im Museum „Punta della Dogana“ eine Nachht verbringen und darüber schreiben soll. Gesagt -getan. Zu Venedig selbst fällt Slimani nichts mehr ein – ist ja alles schon hundertfach geschrieben worden, bis zum Kitsch hinauf und hinunter. Die Nacht im Museum ist erwartungsgemäß wenig spektakulär. Es rennen keine Geister durch die Säle, die Bilder beginnen nicht zu sprechen. Einzelne Werke evozieren in der Schriftstellerin Erinnerungen an ihre Kindheit in Rabat. Andere wiederum lässt sie an Bücher von anderen Autoren denken. Dem namedroping mögen vielleicht einige Leser Gefallen finden, wenn es ihnen Freude macht, jeden einzelnen Namen nachzuschlagen. Ich persönlich war mit allen genannten Namen überfragt. Über all das tröstet die intensive Sprache der Autorin hinweg, ihre dichten Bilder aus Rabat. Aber es ist und bleibt ein typisches „Restlessenbuch“ – auf den nächsten großen Wurf werden wir wohl noch warten müssen.

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Viola Ardone, Ein Zug voller Hoffnung. C. Bertelsmann

Aus dem Italienischen von Esther Hansen

Neapel, knapp nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Not ist überall, besonders im Armenviertel, wo der achtjährige Amerigo Speranza mit seiner Mutter in einem „Basso“ wohnt, in einem dieser Einzimmerbehausungen, in die man direkt von der Straße hineinsieht. „Meine Mama geht vor und ich hinterher“, heißt es gleich zu Beginn. Der Satz sagt alles: Die Mutter ist energisch, geht rasch, kümmert sich nicht um den Sohn, der hinter ihr herhetzt. Dennoch – er liebt seine Mutter, versteht unbewusst und manches auch bewusst, warum sie so rau und nach außen hin unzugänglich ist. Auf seine Weise liebt er sie. Die ersten sieben Absätze beginnen alle mit „Meine Mama“.

Amerigo wächst auf der Straße auf, macht Streiche, wie alle anderen Kinder auch. In die Schule geht er nicht mehr, er hat keine Lust auf Prügel. Eines Tages geht das Gerücht, die Kinder werden nach Russland verschickt. Angst überfällt alle. Amerigo jedoch ist mutig, als er in den Zug steigt, der ihn in den reichen Norden zu einer „neuen Familie“ bringt. Er unterdrückt Angst und Heimweh, lebt sich schnell bei der neuen Familie ein, wo er sich geborgen und geliebt fühlt. Sein Herz schlägt für die Musik, und er bekommt eine Geige geschenkt und darf Geigenunterricht nehmen. Doch nach einem Jahr heißt es wieder zurück nach Neapel. Wie die Geschichte weitergeht, sei hier nicht verraten.

Was das Buch so wertvoll macht, ist die schlichte und zugleich poetische Sprache. Die Autorin schreibt aus der Sicht des Kindes, ohne je peinlich in Kitsch oder Verniedlichung zu verfallen. Dazu gibt ihr der lebensschlaue Amerigo, der sich auf alles seinen nicht unklugen Reim macht, keine Gelegenheit. Das Schicksal Amerigos und der anderen Kinder, die in den NOrden verschickt wurden, geht einem ganz nahe. Manche Leser werden sich noch an Erzählungen älterer Menschen erinnern, die in Wien in den Nachkriegsjahren nach Schweden, Holland oder in die Schweiz verschickt wurden und gerne an diese Zeit denken. Die Solidarität war in Zeiten der Not überall gleich groß.

Seite für Seite genießt man dieses Buch, wie eine Tafel Schockolade, die man nicht auf einmal verschlingen will. So kann man sich lange auf die nächsten Seiten freuen, bis alle zu Ende gelesen sind. Dann ist man traurig, weil man Amerigo verlassen muss. Aber vielleicht will man ihm ja nach einiger Zeit wieder begegnen – nichts leichter als das: Man liest das Buch nochmals, diesmal vielleicht noch langsamer und genüsslicher.

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Leila Slimani: All das zu verlieren. Luchterhand

Aus dem Französischem von Amelie Thoma

Adèle führt ein Leben, das typisch ist für di gehobene Mittelklasse: Verheiratet mit Richard, einem gut verdienendem Chirurgen. Ob sie ihren kleinen Sohn und ihren Mann liebt, das weiß sie selbst nicht so genau. Denn das sichere Alltagsleben langweilt sie, ebenso ihr Beruf als Journalistin. Ihr Ausweg aus der Langweile und dem Lebensüberdruss – ist Sex, je billiger, brutaler – desto besser. Nach der zweiten Szene dieser Art beginnt sich allerdings der Leser auch zu langweilen. Man wundert sich nur, wie realistisch und spachlich großartig Slimani all diese Szenen, die eindander ähneln, hinbekommt. Es kommt, wie es kommen muss: Der Ehemann kommt dahinter. Aber zur Überraschung Adeles lässt er sich nicht scheiden, sondern versucht sie zu „heilen“, indem er sie liebevoll „einsperrt“ in einem neuen, schönen Haus, fernab von Paris und den Versuchungen. Das nützt nichts, nach einiger Zeit reißt Adèle aus und bricht zu neuen Sexabenteuern auf, bereit für einen tödlichen Sex.

Nach „Das Land meiner Mutter“ und „Dann schlaf auch du“ – ist dieses Buch für mich eine Enttäuschung, trotz der intensiven Sprache.

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Tanja Langer: Der Maler Munch. Langen Müller

Tanja Langer schreibt keine Biographie , sondern wählt einen Zeitausschnitt, in dem Schaffen und Leben des Malers auf der Kippe von Normalität zur Krankheit standen. Munch ließ sich danach selbst in eine Nervenheilanstalt einweisen.

In einer intensiven, hochpoetischen Sprache und starken Bildern nächert sich Tanja Langer dem Lebensabschnitt Munchs, als er in die selbstzerstörerische Hassliebe zu Tulla Larsen verstrickt war. Sie beherrschte sein Denken, Handeln und Malen. Eifersucht, Hass, Sexualität, Alkoholexzesse und Selbstzerfleischung kennzeichnen diese Beziehung und gehen in die wilde, exzessive Bildsprache des Malers und seiner „Biografin“ ein. In Tulla sah er alle Frauen, die er in seiner Kindheit verloren hatte: die beiden Schwestern, seine früh verstorbene Mutter. Deren Tod versuchte er durch die Beziehung mit dieser Frau, die selbst die Extreme liebte und gerne und lustvoll mit Munch ihre Spielchen trieb, zu verarbeiten. Gelang aber nur in immer größere Abhängigkeit, die Ulla auszunützen wusste.

Tanja Langer findet starke Sprachbilder für die Seelenqualen und Exzesse des Malers. Verstärkt wird das Leseerleben durch die zum Thema passenden Bilder, die dem Band beigefügt sind.

Eine Gelegenheit Literatur und Werk direkt zu verbinden ergibt sich bestens in der laufenden Ausstellung „Edward Munch“ in der Albertina Wien, die noch bis zum 19. Juni 2022 zu sehen ist. http://www.albertina.at

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Oliver Dirr, Walfahrt.

Über den Wal, die Welt und das Staunen. Verlag ullsteinextra

Oliver Dirr verbringt mit seiner Frau Theresa die Urlaube auf „Walfahrten“. Im Laufe der Jahre kommen sie rund um die Welt und sammeln Erfahrungenn und ERkenntnisse in Norwegen, Madeira, Grönland, Kanada etc. Zu Beginn interessieren sie sich besonders und fast ausschließlich für Orcas, später jedoch auch für alle anderen Spezies, wie Buckelwale, Bartwale, Belugas, Finnwale. Bei all den Reisen erfahren die beiden auch viel über andere Tiere – Schildkröten, diverse Vogelarten wie den Sturmtaucher. So ganz nebenbei erzählt Oliver Dirr über den Stand der Wissenschaften. Mit viel Humor führt er uns Lesern vor Augen, wie unwichtig wir Menschlein im großen Weltenplan sind und wie wenig wir noch über die Geheimnisse der Natur wissen.

Gelungene Landschaftsbeschreibungen lockern die Erzählungen über Tiere aller Art auf, gewürzt mit Geschichten über die eigenen Unzulänglichkeiten. Humor hat, wer über sich selbst lacht. Das kann Dirr oft und herzlich.

Wir erfahren ohne Belehrung zum Beispiel viel über die Buckelwale. Wie sie die Menschen mit ihren „Sprüngen“ unterhalten, weswegen sie auch „Akrobat der Meere“ genannt werden. Und wir Landeier lernen ein neues Walvokabular, wie „Blas“ (ausgestoßene Atemluft), „Finne“ (Rückenflosse), „Fluke“ (Schwazflosse).

Seine Erkenntnisse fasst Oliver Dirr so zusammen: Wale sind Wesen wie wir. Sie haben Bewusstsein, Intellekt und Kultur, Seine Lieblingstiere bleiben immer die Orcas, da sie an Intelligenz allen anderen Meerestieren überlegen sind, Über viele Jahre wurden ihr Sozialverhalten, ihre Dialekte (ja, wirklich!) studiert, und man ist erst am Anfang der Forschung. Oliver Dirr warnt jedoch vor der Gefahr der Vermenschlichung. „Wir stellen noch immer die falschen Fragen und gehen von unserer Vorstellung von Kultur und Sprache aus.“

Ein ausführliches Kapitel widmet er dem Walfang, schildert die grausamen Methoden, die den Bestand der Wale bis auf 0,1 Prozent reduziert hat. Unter dem Mäntelchen der wissenschaftlichen Erfrorschung werden noch immer aus Geldgier viele Wale getötet.

Am Ende des Buches wird kein Leser mehr „Walfisch“ sagen. Denn er hat die Lektion über diese geheimnisvollen Säugetiere gründlich gelernt.

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Colum McCann: Apeirogon. Rowohlt Tb

Aus dem Englischen von Volker Oldenburg

Das Feuilleton ist großteils begeistert, nennt den Roman „einen Jahrhundertroman“ und „Pageturner“. Ein Pageturner mag er wohl deswegen sein, weil so mancher Leser die „Fitzelkapitelchen“ und die nicht immer verständlichen Einschübe überblättern wird.

Der Plot ist wahr: McCann erzählt die Geschichte eines Palästinensers und eines Israelis. Beide haben ihre Töchter durch Anschläge der jeweils Gegenseite verloren. Um ihrer Trauer Herr zu werden und nicht von Hass verzehrt zu werden, schließen sie sich der Friedensorgansisation „Parents Circle“ an. Mitglieder sind Eltern, die ihre Kinder im Krieg zwischen Israelis und Palästinensern verloren haben. Der Kern der Geschichte ist wahr und alles Drumherum ist Fiktion. Das Drumherum aber ist derartig überhöht, verwirrend und und streckenweise undurchschaubar. Manche Kapitel bestehen nur aus einer Zeile, und man kann nicht immer den Sinn des kryptischen Satzes deuten Die Abbildung der Picassotaube und viele kleine Schwarzweißfotos, auf denen nicht immer klar ist, was abgebildet ist, machen aus dem Roman eine Art „Halbbiographie“ und intellektuelle Schmöckerei. Gerade diese Unklarheiten und Zerrissenheit in kleine Kapitel finden viele Kritiker das Beste an dem Roman. Vielleicht, weil kaum jemand zugeben will, dass er streckenwese vor Rätseln stand. Wer will schon zugeben, dass er sowohl die Zahlenspielerei und andere kryptische Hinweise nicht versteht?

Ein Roman, der das Zeug zum „Pageturner“ hätte, wenn der Autor die Hälfte gestrichen hätte.

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Jenny Erpenbeck, KAIROS. Penguin Verlag

Kairos ist der griechische Gott des günstigen, richtigen Moments. Ihn heißt es schnell beim Schopf packen, sonst ist er weg und man sieht nur mehr seinen kahlen Hinterkopf. Was war nun der richtige Augenblick in dieser Geschichte? Wohl nicht, als die 19jährige Katharina sich in den 55 -jährigen Hans verliebt. Denn diese Liebe wird sie fast an den physischen und psychischen Abgrund führen.

Hans W. ist verheiratet, ein Pseudointellektueller,kommt aus dem Westen und lebt aus Überzeugung in der DDR, wird dann als Stasispion angheuert, später selbst bespitzelt. Diese Geschichte erfährt der Leser allerdings erst ganz am Ende und eher nur als Streiflicht. Er will herrschen – über Katharina, sie beherrschen – körperlich in widerlicher Weise, und geistig. Beides gelingt ihm erschreckend – quälend. Da fragt sich der Leser, wozu diese langen, sich immer wiederholenden Quälaktionen über sich ergehen lassen. Cui bono? Und Katharina lässt all die Torturen mit sich geschehen.

Im Gleichschritt mit dem Niedergang dieser Liebe geht der Niedergang der DDR vor sich, den die Autorin zwischen 1987 und 1994 erzählt. Der wirklich erschütternde Teil, und der es wert ist mit viel Aufmerksamkeit gelesen zu werden, sind die letzten 50 Seiten. Sine ira et studio schlildert Jenny Erpenbeck die Konsequenzen der Auflösung der DDR für die arbeitende Bevölkerung, die von einem Tag auf den anderen aus den Institutionen, Fabriken und Unternehmen gejagt wird. Sie zählt die Baulöcher auf, die durch Abriss verschiedener Häuser, Cafés, Theaterbauten entstanden sind und die ein Symbol für den inneren Zustand der Menschen sind. Die DDR war nach dem Zusammenbruch und noch lange danach ohne Hoffnungen auf ein besseres Leben, als das alte war. Tröstlich für den Leser: Katharina hat später geheiratet – nicht Hans. Als dieser stirbt, schickt dessen Sohn zwei Kisten mit allen Erinnerungern an diese „Liebe“. Katharina zögert lange, bevor sie diese Büchsen der Pandora öffnet.

Was den Fluss der Erzählung hemmt, sind die vielen sich wiederholenden Einschübe über Literatur und Musik, die nicht mehr als Zitate sind, namedropping. Nicht alle Namen sagen dem Leser etwas, er müsste ziemlich viel nachschlagen. Jenny Erpenbeck, die als eifrige und penible Recherchiererin bekannt ist, ist hier eindeutig ein Opfer ihres eigenen Fleißes geworden. Die Kunst des Schriftstellers besteht auch darin, sich von Teilen der Recherchen zu trennen, nicht alle in den Roman hineinzustopfen.

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Krisha Kops: Das ewige Rauschen. Arche Literaturverlag

Krisha Kops ist in einer deutsch-indischen Familie geboren, studierte in London Philosophie und Journalismus, promovierte in Heidelberg. Heute hält er Vorträge und Workshops – seine Themen: Indische Philososphie und interkulturelle Fragen.

Das Besondere an diesem Buch -Krops Debütroman – ist die wunderbare Sprache. Mit ihr fängt er indische Geschichten, den Hauch des Mythischen im alltäglichen Leben ein. „Schon ist sie wieder da, die Liebe, die wie die Götter niemals jemand gesehen hat und von der doch viele glauben, dass es sie gibt…Sie schleicht sich in Lonis schwelgenden Blick, zerfasert ihre Gedanken, stiehlt ihre Sprache und hinterlässt nur ein Stottern.“(S 133)

Die Kapitel heißen z.B: Rosenstraussduellwind, Butterbrotwind, Schaumweinwind, Fickdiekatzewind, Limonenweißwind etc… Der Erzähler ist ein Banyanbaum, dem die Winde die Geschichten zutragen, von Ost, von West, von überall, wo Heimat der Familie ist, über die Kops erzählt. Wer die Poesie dieser Geschichten, die feingesponnene Sprache, die ungewöhnlichen Metaphern erkennt und liebt, dem wird das Buch große Freude bereiten. Wie auch der Autor selbst, haben die Figuren Wurzeln in Indien, also Osten, und in Deutschland, dem Westen. Die beiden Kulturen werden gegenübergestellt, nie aber wertend gegeneinander ausgespielt. Manchmal macht es der Autor dem Leser allerdings schwer, dem Fluss der Erzählung zu folgen, weil die einzelnen Figuren der Handlung immer nur kurz auftauchen, schon erzählt der Wind wieder von einer anderen Figur. Für das Verständnis der Handlung ist die Familiengenealogie zu Beginn sehr nützlich. Man muss zwar jedesmal den Lesefluss unterbrechen, nachblättern, wer mit wem wie verwandt ist, aber ohne diese Info wäre es schwierig den Zusammenhang zu verstehen.

Ein Roman, den man genüsslich, wie eine Tafel feiner Schokolade, Stück für Stück, langsam ins Herz sickern lassen muss.

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Amir Hassan Cheheltan: Eine Liebe in Kairo. C.H. Beck Verlag

Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich

Kairo 1947. Der iranische Botschafter – er wird im Roman nur „der Botschafter“ genannt – wird mit einem schwierigen Auftrag nach Kairo beordert: Er soll Fausia, die Schwester des ägyptischen Königs Faruk, zur Rückkehr in den Iran bewegen. Sie ist aus einer unglücklichen Ehe mit dem Schah Mohammed Reza Pahlevi nach Kairo zu ihrem Bruder geflohen und nicht bereit, die Ehe weiter zu führen, geschweige denn, in den Iran zurückzukehren.

Weiters soll der Botschafter dafür sorgen, dass der Leichnam des Vaters Schah Rezas, das wertvolle Edelsteinschwert und Kronjuwelen, die der Schah seiner Gattin schenkte, zurückgegeben werden. Forderungen, die nur schwer durchzusetzen sind. Vor allem erklärt Fausia klipp und klar, dass sie nie mehr iin den Iran zurückkehren wird und sie die Scheidung will. Cheheltan schildert akribisch – zeitweise zu akribisch – die diplomatischen Versuche des Botschafters – alles vergebliche Mühe – die Scheidung ist beschlossen. Dabei flicht der Autor geschickt die damalige politische Lage aus der Sicht der arabischen Welt ein: Die Juden vertreiben die Palästinenser aus ihren Dörfern, nützen die Waffenstillstände, um Waffen zu organisieren, während die arabische Welt tatenlos zusieht. Faruks ausschweifendes Privatleben und die Ignoranz der Hofschranzen, die sich gegenseitig aus der Gunst des Königs herausintrigieren, machen die Bemühungen des Botschafters zunichte. Der Autor leuchtet mit einer großen Lupe in diese schwierige Zeit: die Engländer hinterließen ein politisches Desaster, die Juden verdrängen die Palästinenser und der ägyptische Staat wird von einem Lebemann regiert, der sich nicht um das, Volk und die politische Lage schert. Man wäre versucht, über die vielen Gespräche, die der Botschafter in monotoner Erfolglosigkeit führt, hinwegzulesen, aber ist dann doch von dem historischen Detailwissen des Autors fasziniert. Um dem politischen Trend des Buches einen Romananstrich zu geben, fügt der Autor eine Liebesgeschichte ein: Der Botschafter, ein ziemlicher Frauenheld, verliebt sich in die schöne Sakineh. Sie ist mit einem Langeweiler von einem Mann verheiratet. Bald fragt sich der Botschafter, ob es vielleicht Liebe sei, das ihn an diese Frau bindet. Bindungsängste steigen auf, er zögert, bis Sakineh ihm zu seiner Erleichterung die Entscheidung abnimmt. Er wird in den Iran zurückbeordert und bucht nur ein Flugticket.Mit dieser Liebesgeschichte hält der Autor sehr geschickt das Interesse des Lesers wach, das vielleicht bei den oft ermüdenden diplomatischen Gesprächen erlahmen könnte.

Leser, die mehr über das Entstehen und die Ursachen des Palästinenserkonfliktes, die Rolle des ägyptischen Staates dabei erfahren wollen, werden dieses Buch mit großem Interesse lesen.

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Massimo Carlotto: Und es kommt ein neuer Winter. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Ingrig Ickler

Norditalien ist schon lange nicht mehr die industrielle Vorzeigeregion Italiens. Mittelbetriebe blähten sich zu Großbetrieben auf, lagerten die Lohnarbeit immer mehr in den Osten aus- das System kollabierte.

Massimo Carlotto schreibt nicht Krimis, weil dieses Genre gerade en vogue ist und sich massenweise verkauft. Die Krimihandlung ist der, die Vor-Wand, hinter der er soziale, wirtschaftliche und politische Probleme aufdeckt. Diesmal geht es um industrielle Patrizierfamilien, die sich in eine Region, ein Tal ohne Ausgang, also in eine Art strada caeca, Sackgasse, zurückgezogen haben, wo sie noch als padroni das Geschehen bestimmen können. Neu Zugezogene werden skeptisch beäugt, wenn es sein muss, bedroht oder umgebracht. Wie etwas Bruno, der reiche Immobilieninvestor. Er passt einigen nicht in den Kram. Sein Tod ist rätselhaft, Seine Witwe Federica Pesenti, Tochter des mächtigen Oberpadrone, muss nun das Schlamassel irgenwie beseitigen. Denn Mord geht gar nicht! Er könnte den Ruf der Familie gefährden. Mit Bestechung und Intrigen wird skrupellos die makellose Weste wieder hergestellt. Das Tal kann wieder in Ruhe sein Leben wie früher aufnehmen.

Jeder, der ein wenig über die noch immer aktuellen Machtstrukturen reicher itlienischer Familien Bescheid weiß, wird diesen Roman mit Interesse lesen.

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Sophie Reyer: 1431. Czernin Verlag

1431 ist das Jahr, in dem Johanna in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. In dem „Roman“ schildert Sophie Reyer die Kindheit, die kurze Lebens- und Kampfzeit bis hin zum frühen Tod dieser als „Jungfrau von Orléans“ bekannten Heiligen. Roman im engeren Sinn ist es nicht, auch keine Biographie, dafür sind die Fakten nur angedeutet, manchmal ungenau. Eher ein Prosaepos. Am Ende erfährt der Leser, dass alles eine Art Rückerinnerung ist an ihre Kindheit, ihre Berufung, ihren Ruf ins Kampfgeschehen. Man muss schon die Fakten einigermaßen kennen, um sich in dem Roman zurecht zu finden.

Er zerfällt sprachlich in zwei Teile. Johannas „Erinnerungen“ werden in einer Art hymnischer Traumsequenz geschildert, die zwar der exaltierten. dem religösen Wahn des Kindes namens Johanna angepasst ist, aber den Leseantrieb sehr hemmt. „Das Leben eine Schneewehe. Weh in Federn. Die Bäume, Fichten und Tannen, unter der Last des Schnees gebeugt, sind in die Schlafgrätsche gegangen.“ (15). Im Gegensatz zu diesen hochpoetischen, an manchen Stellen an den Gefühlskitsch grenzenden Schilderungen stehen die nüchternen Verhöre, denen Johanna im Gefängnis unterzogen wird. Der Schluss – Hinrichtung und Epilog oszilliert sprachlich zwischen grausamer Nüchternheit und Poesie des Sterbens. „Das Feuer über ihr. Tod durch Ersticken. Das Kleid ganz verbrannt, Danach hält man das Feuer niedrig. Die Frau wird dem Volk gezeigt, nackt.“ „Da erdrückt Gott ihr Auge. Erschüttert ist die Seele. Gott ist die Seele, die in ihre Tränen leuchtet.“ (beide Zitate p.239)

Sophie Reyer schwelgt in Bildern, die die Grenzen einer Prosa sprengen. Manche dieser Bilder sind wunderschön, manche in sich nicht stimmig. Wenn die Autorin ihrer Sprachgewalt ein wenig die Zügel anlegte, sich von der Selbstverliebtheit in die eigene barocke Üppigkeit distanzierte, entstünde dann sicher ein großartiges Werk.

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Bernhard Schlink: Die Enkelin. Diogenes

Bernhard Schlink gehört zu den besten Erzählern der Gegenwart. Sein Stil ist klar, ohne bemühte Extremformulierungen. Ihm genügt ein kurzer Satz, der eine ganze Person oder Landschaft erfasst. Über die Landschaft der DDR etwa heißt es: „Kaspar wollte sich die Leere des Dorfes nicht trostlos vorstellen, sie sollte ihre Richtigkeit haben.“ (S135). Um die Trunksucht und die Verzweiflung Birgits zu erklären: „Birgit hat ihren Ort in der Welt nicht gefunden (S 229).“ Ein Autor wie Schlink braucht nicht modische Tendenzen aufzugreifen, wie das destrukturierte Erzählen, das jeder zweite Autor heutzutage bemüht..Meist auf Kosten der Leser, denen die Zertrümmerung des Plots oft Mühe und Langeweile beschert.

Anders als der Titel vermuten lässt, wählt Bernhard Schlink nicht die Enkelin als Hauptfigur, sondern Kaspar, einen 70-jährigen Buchhändler. Kaspar ist kultiviert, versucht Menschen, Ereignisse so weit wie möglich ohne Vorurteile zu sehen, alles „soll seine Richtigkeit haben“. Als Student will er die Andersartigekti und die Ähnlichkeit zwischen dem Westen und der DDR kennenlernen und reist noch vor dem Bau der Berliner Mauer zwischen West- und Ostberlin hin und her. Auf einem Fest in Ostberlin lernt er Birgit kennen und bei seinen weiteren Besuchen immer mehr lieben. Er ermöglicht ihr die Flucht in den Westen. Die beiden heiraten. Doch Birgit kann nicht wirklich Fuß fassen, denn sie verheimlicht Kaspar etwas Wesntliches. Als sie ihn kennenlernte, war sie von einem anderen Mann schwanger. Weil dieser sie schmählich in Stich ließ, gibt sie das Kind nach der Geburt weg. Kaspar erfährt davon erst, als Birgit tot ist (Selbstmord ?) und er ihr Tagebuch liest. Seine Recherchen führen ihn wieder in die nun schon ehemalige DDR. Er findet das weggelegte Kind, das nun eine erwachssene Frau ist und in einem Dorf mit Björn, einem fanatischen Anhänger der „völkischen Nationalen“ lebt. Die beiden haben eine 14jährige Tochter, Sigrun. Mit großzügigen Geldspenden besticht Kaspar Björn, damit er Sigrun in den Ferien zu sich nach Berlin holen darf.

Die Fragen und Auseinandersetzungen zwischen dem Großvater und der Enkelin (eigentlich Stiefenkelin) Sigrun bilden den Kern des Romans. Sigrun – ganz von ihrem Vater rechtsradikal erzogen – leugnet vehement den Holocaust. Er sei erfunden, damit sich die Deutschen ihrer Vergangenheit schämen. Wie soll nun der lebenserfahrene, tolerante und unkämpferische Kaspar auf all diese in Sigrun fest vom Vater eingehämmerten Vorurteile und Ansichten vorgehen? Gut durchdacht, spannend bis zum Schluss.

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Die Auseinandersetzung des Großvaters mit seiner Enkelin macht den spannenden Hauptteil der Geshcihte aus. Wie auch im Buch „Der Vorleser“ geht es Schlink auch diesmal um die Aufarbeitung der Geschichte Deutschlands aus der Sicht zweier Generationen und Weltanschauungen.

Abdulrazak Gurnah, Das verlorene Paradies. Penguin Verlag

Aus dem Englischen von Inge Leipold

Abdulrazak Gurnah wurde 1948 im Sultanat Sansibar geboren, ist heute Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er wurde 2021 für seine zahlreichen Romane mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Im zuletzt erschienenen Werk „Das verlorene Paradies“ behandelt er die Umbrüche in Ostafrika um 1900, als Deutsche und Engländer das Land ausbeuteten und kolonialisierten.

Der Vater Jusufs hat hohe Schulden bei „Onkel Aziz“ und muss ihm seinen kleinen Sohn als „Abzahlung“ seiner Schulden mitgeben, was nichts anderes bedeutet als ihn in die Sklaverei zu schicken. Jusuf wird Khalil als Gehilfe und Lehrling übergeben. Er leidet unter starkem Heimweh und den ziemlich unhygienischen Zuständen, hat panische Angst vor den wilden Hunden, die sich des Nachts um sein Lager herumtreiben. Sein Trost ist der Garten des Onkels, in dem er ungefragt und heimlich arbeitet. Aziz nimmt Jusuf auf seinen Reisen durch das Landesinnere mit, damit er das Leben kennenlernt. Sie kommen zu den „Wilden“, wie es im Text heißt, werden ausgeraubt, geschlagen und um ihr ganzes Hab und Gut betrogen. Doch an Jusuf prallt das alles ab, er ist durch seine Schönheit und seine seelische Unschuld geschützt. Zurück im Haus Azizs verliebt er sich in die Zweitfrau seines Onkels, gerät in Schwierigkeiten, weil die Erstfrau ihn begehrt und er sich vor ihr ekelt. Das Ende ist offen.

Gurnah verpackt in diesem Roman, der wie eine Aneinanderreihung von alten Mythen und Erzählungen wirkt und nur durch die Figur Jusufs zusammengehalten wird, alle Probleme dieser Umbruchszeit: Die Grausamkeit und Gier der Kolonialherren, die Grausamkeit und Unkultiviertheit der „Wilden“, die verschiedenen Religionen, der noch immer blühende Sklavenhandel, Zerstörung von Natur und Kultur und vieles mehr. Und genau darin liegt die Schwäche des Romanes: Zu viele Themen werden angerissen, keines tiefer ausgeführt. Jusuf ist eine Lichtgestalt, die in seiner naiven Unschuld sowohl an Parsifal und auch an Josef, der von Potifars Frau begehrt wird, erinnert.

Leider fehlen eine Landkarte, auf der die Reisen nachvollziebar sind, und ein geschichtlicher Überblick über das Gebiet, was damals als „Ostafrika“ bezeichnet wurde.

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Marie Brunntaler, Piz Palü. Eisele Verlag

Der Piz Palü ist ein nicht ganz ungefährlicher Berg in den Schweizer Alpen, nahe bei Pontresina. Auf über 1000m steht das „Grand Hotel Arnold“. In den späten 1950er Jahren ein Treffpunkt der Reichen und vieler Stars, wie etwa O.W. Fischer, hier oben bitte nur „Otto“. Eigentlich sind die besten Tage des Luxushotels schon vorbei. Nur durch eine Geldheirat mit dem reichen Kälin konnte ERika Arnold den Ruin abwenden. Aber die Ehe ist kaputt, es gibt Probleme. Als ihre beiden Kinder spurlos verschwunden sind und der Ehemann im Turmzimmer ermordet aufgefunden wird, geht die Mördersuche los. Der Kriminalkommissar Tschudi steht vor einem Rätsel. Erst durch einen Hinweis von O.W. wird einiges klar.

Ein spannender, flott und leichtfüßig geschriebener Roman über die angeheizte Lage in den 50er und 60er Jahren nach dem Ende des 2. Weltkrieges: Die einen reich und gelangweilt, die anderen scheinreich und verzweifelt, wieder andere in unerträglichen Abhängigkeitsverhältnissen lebend, nach außen aber gelassen und fröhlich. Masken tragen alle, keiner ist der, der er scheint. Mit Eleganz und Noblesse fährt die Autorin durch diese ziemlich verlotterte Gesellschaft mit spitzer Feder durch. Wäre da nicht der pathetisch- unglaubwürdige Schluss könnte man den Roman als gelungenen Spiegel der Nachkriegsgesellschaft einordnen.

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Barbara Frandino, Das hast du verdient. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

Barbara Frandino schildert eine Frau, deren Leben aus den Bahnen kippt, weil ihr Ehemann eine Geliebte hat, die von ihm ein Kind erwaretet. Die Ehe war bis dahin von beidseitiger Liebe erfüllt. Das erfährt man nur aus einigen Bemerkungen. Denn der Roman beginnt mit dem Zeitpunkt der Rache: Claudia, so heißt die Protagonistin, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, sieht seelenruhig zu, wie ihr Ehemann von der Leiter kippt und am Boden liegen bleibt. Erst nach einer halben Stunde ruft sie die Rettung, sehr spät, wie der Arzt feststellt. Den zum halben Krüppel reduzierten Ehemann holt sie nach Hause und beginnt ein schreckliches Rachegespinst. Ein Ping-Pong, das vom Ehemann aber nicht mitgespielt wird. Der möchte, dass alles so bleibt, wie es einmal war. Sie wartet, lauert, inszeniert eine Racheszene nach der anderen. War man am Anfang noch auf ihrer Seite, so verliert man mit Fortgang der Handlung die Geduld mit Claudia. Zu viele Wiederholungen, ähnliche Aktionen zermürben die Protagonistin und den Leser. Nicht aber den Ehemann, der das alles ziemlich gleichmütig und schweigend erträgt. Aus dieser Hasshölle findet Claudia nicht heraus. Sie erstarrt in Wortlosigkeit, trotz vieler Besuche bei einer Psychotherapeutin.

In einer kalten, punktgenauen Sprache führt Barbara Frandino eine Frau vor, die sich durch ihren Hass selbst zerstört.

Hart, aber glasklar zeigt Frandino auf, wohin die Reise geht.

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Grig(or Shashikyan): Jesus‘ Katze. Geschichten von den Straßen Jerewans

Aus dem Armenischen von Anahit Avagyan und Wiebke Zollmann.

Kolchis Verlag

In Jerewan mir blieb die Luft weg. Nicht so sehr wegen der Abgase, sondern eher vor Staunen. Nach der tagelangen Fahrt durch Natur pur sah ich meiner Ankunft mit gewissem Bangen entgegen. Ich fürchtete, in eine Stadt mit nur grauen Plattenbauten in russischer Einheitsästhetik zu kommen. Die gibt es natürlich. Doch Jerewan überraschte total und gab  zur Begrüßung den Blick auf den Ararat frei. Dieser Berg hat etwas von Ewigkeit an sich. Hier soll Noah mit seiner Arche gelandet sein, rund um ihn entstand das armenische Reich. Dass der Berg heute den Türken gehört, schmerzt die Armenier sehr und lässt ihn umso mehr zum Mythos werden. Sehnsuchtsvoll schauen sie tagtäglich  über den Streifen Niemandsland zu ihm hinüber. Er scheint ja an manchen Tagen zum Greifen nah. Und doch unerreichbar.

Siebzig Jahre russischer Herrschaft haben natürlich die Kultur und Lebensform geprägt. Kluge und mutige Pädagogen wussten um die Gefahr der Normierung. Um Kinder von ästhetischen Stereotypen russischer Prägung zu befreien und ihnen das Bewusstsein eigener Identität zu vermitteln, gründeten mutige Pädagogen Mitte der Siebzigerjahre das Kinderkunstmuseum. Was so harmlos klingt, war eine gewagte Sache. Denn die Russen verboten künstlerische Eigeninitiativen. In privaten Ateliers konnten Kinder zwischen 5 und 12 Jahren frei arbeiten, zeichnen, malen, sticken oder Theater spielen. Viele, die heute angesehene Künstler in Armenien und im Ausland sind, haben  hier ihre künstlerische Laufbahn begonnen und  die Welt mit ihren eigenen Augen sehen gelernt. Deshalb ist dieses kleine Museum ein wichtiges Zeugnis der Selbstbehauptung.

Kunst im öffentlichen Raum spielt in Jerewan eine große Rolle. Es scheint, als ob die Stadt darin ihre Identität findet.  Überall stehen Denkmäler oder Skulpturen, wie etwa die große Dicke von Fernando Botero. Nicht zu vergessen die Genozid-Gedenkstätte, die wie eine schlichte, begehbare Struktur gebaut ist. Oder die  „Kaskade“, ein beliebter abendlicher Treffpunkt der Jerewaner. Über fünf Ebenen steigt man hoch genießt die Aussicht und die Kunstwerke, die ein reicher Armenier gestiftet hat.

Jerewan und im Dunst der Berg Ararat zu ahnen

©Silvia Matras

Ob der junge armenische Autor Grig (die ersten vier Buchstaben seines Vornamens), der mit dem Erzählband „Jesus‘ Katze“ viel Anerkennung erntete, auch in der geheimen Kunstschule seinen künstlerischen Weg nahm, weiß ich nicht. Fest steht, dass die Armenier ihr ganz eigenes Kunstverständnis und Kreativität trotz russischem Einfluss entwickelt haben. Dieser Erzählband ist dafür das beste Beispiel. Die Geschichten handeln von Menschen „am Rande der Gesellschaft“, wie es allgemein euphemistisch heißt. In Wahrheit sind es Menschen, die am Rande ihres Lebens stehen, aber ihren Stolz bewahren. So in der ersten Geschichte „Der kleine Mann“, die wohl zu den berührendsten des Bandes zählt. Sie handelt von einem Maler, der immer die gleichen Wolkenbilder malt, sie aber unterschiedlich benennt. Still, ohne für sich zu werben, stellt er sie in dem Park im Zentrum aus. Menschen gehen vorbei, keiner kauft. Bis er am Schluss alle vor der Kunstkaskade verschenkt, die Aktion in einem eigenartigen Tanz unter den Schneeflocken begleitet. Vielleicht hatte er den Verstand verloren.

Die einzelnen Geschichten steigern sich in der Skurrilität immer mehr, es kommt der Punkt, an dem man aussteigt, weil man den Kapriolen des Autors nicht mehr folgen kann. Trotzdem – dieses Buch ist wie ein Seelenspiegel der Armenier, spiegelt ihren Stolz, ihre Phantasie, ihre Überlebensstärke wider. Deshalb ist es wervoll.

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Nastassja Martin: An das Wilde glauben. Matthes-Seitz Verlag

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

Die Autorin ist Anthropologin und Schriftstellerin. Ihre Forschungen konzentrieren sich auf indigene Völker, die den westlichen Kulturen Widerstand leisten.

Eine ihrer Reisen führte sie nach Kamtschatka zu dem Volk der Ewenen, wo sie deren Lebensformen und Mythen erforscht. Auf einer Bergtour in menschenleerer Wildnis wird sie von einem Bär angegriffen: “ …das geschwollene , zerrissene Gesicht gleicht sich nicht mehr,…ich bin diese undeutliche Form, deren Züge in den offenen Breschen des mit Blut und Sekreten verschmierten Gesichts verschwunden sind.“ Wie durch ein Wunder wird sie von einer alten Frau aus dem Volk der Ewenen gerettet, die ihre Wunden versorgt. Im russischen Spital für Kriegsverwundete wird sie operiert, zwei weitere Operationen erfolgen in Frankreich. Die Wunden heilen, das neue Gesicht gehört ihr noch nicht. Sie kehrt zurück an den Ort, wo sie dem Bär begegnete. Es geht ihr um Verstehen. Der Bär wird zum Symbol für die Frage, wie wir Menschen mit der wilden, von Menschen unberührten Natur umgehen. Sie stellt sich der Erkenntnis, dass in ihr der Bär nicht nur optische Spuren hinterlassen hat, sondern einen Teil ihrer Seele erfasst hat. In Morphinträumen erkennt sie hellsichtig, dass sich in ihrem hybriden Körper westliches, technologisches Wissen und das Wilde, der Bär vereinen.

Schon als Kind, so Nastassja Martin, war sie von allem Wilden, den Wäldern, den Bergen, den Akrobaten und den Geschichtenerzählern fasziniert. Gegen Schule, Stadt und Beton wehrte sie sich und studierte Anthropologie, wobei sie vordringlich vom Animismus der Urvölker wie eben der Ewenen fasziniert ist.

Mit ihrer präzisen Sprache leuchtet Nastassja Martin seelische Innenräume aus, wo Autoren sonst kaum vordringen. Mit erstaunlicher Klarsichtigkeit führt sie zwei Welten zusammen, die der Wildnis, in der Bären Menschen angreifen, und die des Vertrauten, sagen wir der Normalwelt. Sie erreicht dabei die Grenzen des Denkens und sucht Antworten auf die Fragen: Was ist Natur, was ist unsere westliche Welt? Immer wieder erfassen sie Erinnerungen an den Kampf mit dem Bären, Gedanken, die sie selbst nur schwer ausformulieren kann, da sie sich der weltlichen „Formel“ widersetzen. Aber letztendlich kehrt die Autorin aus dieser „Bäreneinsamkeit“ immer wieder in die „moderne, zivilisierte Welt“ zurück. Sie braucht beide Seiten der Existenz.

„An das Wilde glauben“ ist eine Autobiographie. Martin geht aber weit darüber hinaus, verlässt den erzählerischen Raum und verliert sich in ihrer vom Animismus beeinflussten, beherrschten Gedankenwelt, der zu folgen der Leser Geduld und Aufmerksamkeit entgegen bringen muss, soll. Ja, soll. Denn es zahlt sich aus, sich in Martins Universum auszuliefern.

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Ich möchte auf ein Buch hinweisen, das sich ähnlich sprachgewaltig auch mit der Frage, wie wir mit den letzten Refugien der Wildnis umgehen, beschäftigt:

Siehe meine Buchbesprechung !

Polly Clark: Tiger. Eisele Verlag

Aus dem Englischen von Ursula C. Sturm

„Der Wald argumentiert nicht. Der Wald lügt nicht. Der Wald fordert von dir nichts weiter als Respekt. Und der Herrscher über den Wald, der Zar, ist der TIGER.“

Dieses, dem Roman vorangestellte Zitat, umfasst das Thema: Respekt vor der wilden, ungezähmten Natur!

Die Autorin nennt ihr Buch einen Roman. Aber eher sollte es heißen: Vier Erzählungen um das geheimnisvolle Wesen „Tiger“.

Es beginnt mit einem Prolog. Wie viele Männer in der russischen Taiga träumt auch Dimitri davon, einen Tiger zu erlegen und durch den Verkauf des Tieres immens reich zu werden. Doch es kommt anders: Der König des Waldes stürzte sich lautlos auf ihn, schlug seine Zähne in das Fleisch des Menschen, dem keine Zeit mehr blieb, Angst zu empfinden. „Dimitri blieb nur noch eines: in das Antlitz des Göttlichen bis in alle Ewigkeit zu schauen, und in seinem Blut und in jeder Zelle seines Körpers die wahre Ordnung der Natur zu spüren.“

In dieser bildgewaltigen, atemlos machenden Sprache peitscht Polly Clark den Leser durch das Schicksal verschiederner Protagonisten, die alle in irgendeiner Weise der Faszination „Tiger“ erliegen

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Teil eins: Frieda

Frieda ist mit Leib und Seele Tierforscherin. Eines Tages wird in einem englischen Zoo eine Tigerin erwartet, die dem deprimierten Zootiger Lust auf Sex machen und für Nachkommen sorgen soll. Als Betreuerin wird Frieda eingesetzt. Sie hat noch keine Erfahrung mit der Spezies Tiger, beobachtet die durch Verwundungen und Transport gereizte Tigerin fast rund um die Uhr. Wagt sich ungeschützt in den Käfig, weil sie glaubt, das Vertrauen des Tieres gewonnen zu haben, und wird von der Tigerin angefallen. Schwer verwundet kann Fieda noch einen Betäubungsschuss setzen, bevor sie ohnmächtig wird. Frieda hat sich, genau so wie der Fallensteller Dimitri, in einen Kampf mit der ungezähmten Natur eingelassen und verloren. Zwei Warnungen, die die Erzählerin dem weiteren Verlauf ihres „Romans“ voranstellt.

Teil zwei: Tomas

Schauplatzwechsel: Im äußersten Osten Russlands leiten Vater Iwan und Sohn Tomas ein etwas herabgekommenes Reservat, das den wenigen noch lebenden Tigern in der Taiga Schutz und Freiraum sichern soll. Sie kämpfen gegen die Macht der Geldhaie, die auch die letzten Winkel der unberührten Natur vermarkten wollen.Eines Tages bricht Tomas in den von Menschen noch nie betretenen Wald auf, um mit Kamerafallen Bilder von der „Gräfin“, wie sie die dort lebende Tigerin nennen, zu bekommen. Was er aus den Spuren lesen kann, ist ein wilder Lebenskampf zwischen der Tigerin und einem Bär. Und dann entdeckt er auch Spuren einer Frau.. Er entdeckt ein Drama: Vor einer Hütte liegt die Tigerin, unter ihr begraben die Frau. Beide tot. Daneben ein Mädchen. Sina wird sie heißen und er wird sie und das Tigerjunge der Gräfin ins Reservat mitnehmen

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Teil drei: Edit

Edit stammt von den Udehe, den letzten Ureinwohnern der Taiga. Sie lebt mit dem Russen Waleri in einem Dorf in der Taiga. Als dieser eines Tages eine Tigerin im Käfig gefangen ins Dorf bringt, verlässt ihn Edit. Tiger sind für die Udehe heilige Wesen. Sie nimmt ihre dreijährige Tochter Sina mit und lebt mit ihr in der Tiefe des dichten Waldes, lehrt sie alles, was zum Überleben wichtig ist. Beide überstehen in dieser wilden, unberührten Natur Eiseskälte, Hunger und Hitze. Bis eines Tages die Gräfin sich der Hütte nähert. Edit elingt es, sie tödlich zu treffen, wird aber von der todwunden Tigerin zu Tode gebissen. Hier schließt sich der Kreis der Personen: Tomas wird Sina finden und mitnehmen.

Teil vier: Tiger

Polly Clark scheut sich nicht, die Geschichte der Gräfin zu erzählen und dabei gleichsam hinter die Augen und Ohren, in das Gehirn des Tieres mit der menschlichen Sprache zu dringen. Das gelingt ihr überzeugend gut. Dank ihrer Recherchen für dieses Buch hielt sich Polly Clark monatelang in der russischen Taiga auf den Spuren der Tiger auf. Ohne das Verhalten der Gräfin zu humanisieren, begleitet sie das Tier auf ihren Streifzügen, beschreibt die Geburt der beiden Tigerjungen, die verzweifelte Suche nach Nahrung. Berührend der Tod des einen Jungtieres, ihr wütender Angriff auf die Hütte.

Übergangslos führt die Autorin wieder in das Dorf, wo Sina nach dem Tod ihrer Mutter aufwächst. Und wieder übergangslos landet plötzlich Frieda in diesem Dorf. Mit im Gepäck zwei Tigerjungen aus dem Zoo, die nun zur Auswilderung vorbereitet werden. In dieser allzu gewollten Zusammenführung ihrer Figuren liegt vielleicht das einzige Stolpersteinchen. Aber letzendes genießt der Leser die präszisen und doch hochpoetischen Beschreibungen. Die kleinsten Details bekommen fast mythische Bedeutung. Ein „Roman“, wenn man denn so will. Aber die Bezeichnung tut nichts zur Sache. Wichtig ist Sprachgewalt, mit der die Autorin das Wesen der Tiger erfasst, die letzten unberührten Winkel der Natur schildert. Bilder, die in die Seele eingehen und dort bleiben

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Ein ähnlich sprachgewaltiges Buch mit ähnlichem Thema sei hier erwähnt:

Nastassja Martin, An das Wilde glauben. Die Anthropologin Nastassja Martin wird in der Taiga von einem Bären in den Kopf gebissen und schwer verletzt. Es ist die Geschichte ihrer Genesung und zugleich eine intensive Begegnung mit ihrem Selbst und der Wildnis. (siehe auch meine Buchbesprechung)

Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweines

Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz

EIN SARDINIEN-KRIMI steht auf dem Cover. Sardinien ja, Krimi -eher nein. Denn die „Lösung“ gibt es nicht wirklich, sie ist so absurd wie das ganze Buch. Daher hier meine Warnung: Nur Leser mit Sardinienerfahrung werden ihre Freude an dem Buch haben und Figuren aus ihrem eigenen Sardinienspektrum bestätigt finden. Alle anderen werden das Buch als überdrehtes Hirnjogging abtun.

Sardinien in den späten 60er-, Anfang 70er Jahren. Damals und auch noch bis in die 90er waren Kidnapping, Mord und Erpressung an der Tagesordnung, Fremde -sprich Menschen aus dem „continente“, wie die Sarden Italien nannten, stießen in Gesprächen schnell auf eine Schweigemauer. Dass Aga Khan die Costa Smeralda mit Promihotels besetzte – verschandelte – ist an den meisten Sarden so was von nicht bemerkenswert vorbei gegangen, Es sei denn, sie gehörten zu den armen Würsteln, die damals um fast kein Geld ihren Grund an Aga Khan und Nachfolger verkauft hatten.

Der Rest der Sarden war eher damit beschäftigt, sich gegen die Gesetze vom „continente“ zu wehren, wie etwa als ein Atomkraftwerk in den Bergen von Orgosolo angedacht war. Aber darum geht es nicht in diesem Buch. Sondern ganz grundsätzlich um die typischen Charaktere des eigenwilligen Volkes der Sarden. Ein Toter wird, nur oberflächlich vergraben, im Wald ganz nahe bei dem Bergdorf Televras gefunden. Der Carabiniere De Stefani ist mit der Lösung des Falles betraut, aber als Piemonteser total überfordert. Denn keiner würde ihm, dem „Fremden“, auch nur ein Sterbenswörtchen verraten. Schon gar nicht der Pfarrer Don Cossu. Er weiß alles über seine Schäfchen, hält aber dicht. Mord, Erpressung, Betrug, Vergiftung – er weiß Bescheid, schweigt aber. Der Carabiniere Piras ist ein gebürtiger Sarde, weiß auch viel, würde auch nichts verraten. „Er erwartete für sein Stillschweigen keine Gegenleistung. Er begriff einfach, wie das nur Sarden begreifen können, was es hieß, arm zu sein: schweigend und würdevoll.“ (p.68). Das ist einer der Kernsätze des Buches. Was nicht heißt, dass der Autor, selbst gebürtiger Sarde, Mord und Erpressung gut heißt, nur weil das Verbrechen von armen Sarden begangen wird. Im Grunde geht es um Verständnis für Menschen, die ums Überleben kämopfen. Sie haben nicht viel, eine Herde Schafte, Ziegen und die Natur. Wenn sie Menschen gekidnappt und Lösegeld erpresst haben, so ist das theoretisch ein Verbrechen, aber für den Pfarrer und den einheimischen Polizisten ein verstehbares Verbrechen. Ich möchte das hier durch ein eigenes Erleben verstehbar machen:

In den frühen 90er Jahren war Kidnapping auf Sardinien noch en vogue. Besonders die Bewohner von Orgosolo waren da eifrig tätig. Als ich eine Reportage über diesen Ort in den Bergen, zu dem es damals nicht einmal eine Hinweistafel auf den Straßen gab, vorbereitete, warnte man mich: Fahr nicht hin, schon gar nicht allein. Ich fuhr, stellte mein Auto vor einer Bar ab und übergab die Schlüssel dem Besitzer, um sicher zu gehen, dass ich es wiederbekomme.Im Ort sprach man viel über die letzte Entführung einer Bankierstochter und darüber, dass die Behörde Leute aus Orgosolo verdächtigte. Es war gerade ein großes Fest imgange, irgendein Ortsheiliger wurde gefeiert. Ich hörte den Pfarrer predigen. Er sprach über Armut und eine neue Art der Gerechigkeit. Nach der Predigt fragte ich ihn, ob er die Entführer verurteile. Klare Antwort: Nein! Und wenn er sie auch kenne, werde er sie niemals verraten. Denn er habe Verständnis für die Lage der Menschen hier – Armut und das Wissen, der Willkür des Staates – il continente – ausgeliefert zu sein, sind der Boden, wo Gewalt gedeiht. Er verurteile keinen einzigen seiner Schäfchen, beteuerte er nochmals. Es dauerte ein halbes Jahr, dann fand man die Entführte: Sie lebte gemütlich im Haus der Großmutter des Entführers. Das Haus stand direkt neben der Unterkunft der Carabinieri.

Zusammenfassung: Man schmunzelt beim Lesen über die einzelnen Figuren, die skurril, absurd und dennoch sehr menschlich geschildert werden. Allerdings muss ich gestehen, dass ich die Bedeutung der „Theologie des Wildschweines“ überhaupt nicht verstand. Ist ja kein Wunder, ich bin keine Sardin!

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Erika Pluhar: Hedwig heißt man doch nicht mehr. Residenz Verlag

„Hedwig saß am Fenster und sah in den Hinterhof hinaus. Der war lichtlos und grau, wie damals, als ihre Großmutter hier saß und hinausschaute.“

So beginnt der bedrückende Roman über Großmutter Hedwig und ihre gleichnamige Enkelin. Nach dem Tod der Eltern wird die 12jährige Hedwig von ihrer Großmutter erzogen. Vielleicht nicht mit offen gezeigter Liebe, aber sicher mit Sorge und einer Liebe, die unter der Kruste wirkt. Strenge Regeln gibt es, oberstes Prinzip für das Kind: brav sein und in der Schule Erfolg haben. Dem folgt Hedwig ohne Murren, sie besteht die Matura mit Auszeichnung, studiert an der Universität Wien Publizistik. Die Großmutter ist stolz auf ihre Enkelin. Die aber haut bei Nacht und Nebel ohne Abschied und ohne Gruß ab und rührt sich 25 lange Jahre nicht bei ihrer Großmutter. Das ist die Ausgangslage, die der Leser erst einmal verdauen muss. Eine Ungerührtheit und Eiseskälte. Keine Nachfrage von der Enkelin, ob die Großmutter noch lebt, gesund ist. Nur durch Zufall erfährt sie, dass die Großmutter vor zwei Jahren gestorben ist und ihr die Wiener Wohnung in der Josefstadt vermacht hat.

Nun sitzt also die Enkelin nach mehr als 25 Jahren auf dem Sessel der Großmutter und schaut auf den grauen Hinterhof. Der Leser ist neugierig, wie diese 51 jährige Hedwig ihren grausamen Abgang sieht, ob sie nachforscht, wie es der alten Frau ergangne ist. – nix da. Sie reflektiert ihr ach so trauriges Leben in Berlin, Hamburg und Lisabon, erzählt ihrer Großmutter sozusagen als Wiedergutmachung das Auf- und Ab ihrer Befindlichkeiten in den letzten 25 Jahren. Während sie diese Rückschau auf die Vergangenheit schreibt, meldet sich hartnäckig und sehr verständnisvoll ein Mann bei ihr an. Er lädt sie zum Essen ein oder kocht für sie, aber nur wenn es Hedwig genehm ist. Spielt ihr Musik vor, aber nur solche, die Hedwig mag. Kurz – ein Mann wie aus einem Bilderbuch, oder wie die Wiener auch sagen: wie aus dem Backofen gebacken.

Irgendwie lässt einem der Roman unbefriedigt zurück. Denn diese Lebensbeichte Hedwigs nützt der toten Großmutter aber schon gar nichts. Die Enkelin schreibt alles nieder als eine Art Selbsttherapie, ohne dass auch nur ein Hauch von Frage, wie wohl die alte Frau mit diesem Abgang fertig geworden wäre. in ihr aufkeimt.

Wie sie diesen “ Wundermann“ behandelt – man könnte sagen abkanzelt – und der trotz allem immer wieder kommt, auch das wirkt irgendwie lebensunecht. Wollte uns Pluhar die Kälte einer Generation vor Augen führen, der Empathie und Mitdenken fehlen? .

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Tone Fink: ARCHE.TONE

Texte: Max Lang

Ganz ungewöhnliche Tierzeichnungen. Zwischen Schmunzeln und Gruseln blättert man Blatt für Blatt um. Gerade in der Abgeschlossenheit des Corona-Lockdowns, die Tone Fink „Krönchenzeit“ nennt, packten ihn „stark bedrohte Tierfotografien am Schlafittchen“. Entstanden ist eine Serie von Tierzeichnungen, die den Betrachter an- und auslachen, wie die Katze auf dem Cover.

Ach, ich liebe sie alle. Gerade habe ich mich für die Katze als mein „Lieblingsbild“ entschieden, doch dann gefällt mir das Zieserl genau so, das innig und lebensfroh an einer Löwenzahnblüte riecht. Die Natur gehört mir, ruft es mir zu. Ja, hoffentlich noch lange…Haben Sie schon einmal einen Sifaka gesehen? Sicher nicht, er ist menschenscheu, klug und er kann nachts singen. Ich hätte ihm gerne zugehört. Weil das nicht möglich ist, vertiefe ich mich in die liebevoll-klugen Texte von Max Lang.

Wer ratlos ist, was er seiner Liebsten, seinem Liebsten zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken soll – dieses Buch wird ein Volltraffer sein!

Ein feines, hinterlistiges Wohlfühlgeschenk: Es macht den Schenkenden glücklich, weil es den Beschenkten beglückt.

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Marco Bolzano, Wenn ich wiederkomme. Diogenes Verlag

Aus dem Italienischen von Peter Klöss

Marco Bolzano, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens, greift immer gesellschaftspolitisch relevante Themen auf. Und die setzt er dann in spannende Romane um. Diesmal geht es um die Frauen, die ihre Familie im Osten Europas verlassen und in Italien mit Altenpflege Geld verdienen, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen.

Marco Bolzano schreibt den Roman aus drei Sichtweisen: Zunächst erzählt der kleine Manuel, wie es war, als seine Mutter ohne ein Wort, bei Nacht und Nebel, das Haus in einem rumänischen Dorf verließ. Ein Schock für Manuel, die ältere Schwester Angelica und den Ehemann Filip. „Wir haben im ganzen Haus nach Moma gesucht. Irgendwann haben wir sogar die Möbel von den Wänden gerückt, als hätten wir einen Ring verlegt.“ Auf den ersten Verlust folgt bald der zweite: der Vater macht sich ohne Adressenangabe aus dem Staub. Manuel, der zuerst mir Feuereifer in der Schule Bestnoten schreibt, verliert die Lust am Lernen, gleitet ab. Nur sein Großvater und Angelica halten ihn noch. Bald beginnt er die Telefonate seiner Mutter, ihre Geschenke zu hassen. Er borgt sich das Moped seines Freundes aus und fährt damit in einen versuchten Selbstmord.

Im zweiten Teil erzählt Daniela, die Mutter, wie es ihr in Mailand geht. Sie pflegt einen grantigen Alten. Dann einen Dementen. Windelwechseln, füttern, kochen, einkaufen ist ihr anstrengender Alltag. Nie angemeldet, keine Chance auf Fixanstellung. Das Heimweh und die Sorge um ihre Kinder bedrückt sie sehr. Als sie vom „Unfall“ ihres Sohnes erfährt, kehrt sie nach Rumänien zurück und bleibt am Bett ihres Sohnes, der im Koma liegt, so lange, bis er aufwacht. Liebevoll umsorgt sie ihn danach. Doch Manuel bleibt verschlossen.

Im dritten Teil erzählt die Tochter Angelica. Sie hat beschlossen, „so zu tun, als wär nichts“. Sich ablenken, fertig studieren und allein zurechtkommen ist ihre Devise. Das schafft Distanz. Vor allem zur Mutter. Nach dem Spitalsaufenthalt hilft sie ihr, Manuel aufzupäppeln. Doch irgendwann hat sie genug von der Helferrolle. Sie verlobt sich, heiratet und zieht nach Berlin. Ob die Familie je wieder eins wird, bleibt offen.

In einer schlichten und klaren Sprache gelingt es Bolzano, das Schicksal dieser Familie lebhaft vor Augen zu führen. Er versteht es, die drei verschiedenen Schicksale und ihre Verknüpfung, besser ihr Auseinandertriften, ohne Schuldzuweisungen zu beschreiben. Im Nachwort schreibt er: „So ist ein dreistimmiger Familienroman entstanden, in dem jedes Mitglied seine eigenen Entscheidungen trifft, aber auch mit denen der anderen klarkommen muss. „

Die Frauen, die weggehen, verdienen zwar gutes Geld, aber verlieren ihre Identität und riskieren den Zusammenhalt ihrer Familien. Ein berührendes Dokument unserer Gesellschaft, die die Pflege der Kranken und Alten den Frauen aus dem Osten überlässt.

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Zora del Buono, Die Marschallin. C.H.Beck Verlag

Zora del Buono beschreibt das Leben ihrer Großmutter, einer geborenen Ostan.. Diese verlebt ihre Kindheit mit vier Brüdern in Bovec im Isonzotal , weiß schon als Kind viel über den 1. Weltkrieg und die Schlacht am Isonzo. 1920 lebt sie in Berlin, ab 1932 in Bari mit ihrem Mann, dem berühmten Radiologen Prof. Pietro del Buono. Beide sind überzeugte Kommunisten, sie eine fanatische, er eher besonnener. Geld ist in Hülle und Fülle da, was sie aber nicht hindert an einen Kommunismus zu glauben, in dem alle im gleichen Wohlstand leben. Sie haben drei Söhne, Zora ist eher eine distanzierte Mutter. Kinder sind in ihrem politischen Leben und Agieren nicht einbezogen.

Die Autorin schildert mit einer nur mühsam zu lesenden Detailtreue die kleinsten Umstände, wie Zora ihr Haus in Bari plant und baut, bis hin zum Tafelsilber und der Kleidung , auch der der Dienstmädchen. Diese Detailtreue erregt den Verdacht, dass es der Autorin eher darum ging zu beweisen, wie genau sie recherchiert hat. Viel erfahren wir nicht über die Figuren selbst, auch Zora, die wegen ihrer Strenge und Herrschsucht „Marschallin“ genannt wird, bleibt eine nur oberflächlich wahrgenmmene Figur. Durch diese ausufernde Detailschilderungen werden die politische Ereignisse nur als Fakten angeführt, Ursachen und Hintergründe bleiben dunkel. Die wechselhaften Ereignisse , wie aufkommender Kommunismus, Kampf gegen Faschismus, Hitler, Mussolini, Nationalismus, Partisannenkrieg, Tito und Stalin stürzen über die Familie del Buono genau so rasant herein wie über den Leser, der bald beginnt, die Details zu überfliegen, um an die Kerne der Ereignisse zu kommen.

Im zweiten Teil überspringt die Autorin die Jahre zwischen 1948 und 1980. Viele Familienmitglieder sind tot, nur Zora lebt in Nova Gorica in einem Pflegeheim. Sie blickt zurück auf das Leben ihrer Familie. Da erst wird Zora zu einem Menschen aus Fleisch und Blut und Seele. Sie sirbt kurz vor ihrem Ehemann, der als Alzheimerpatient in einem Schweizer Sanatorium lebt und sich an niemanden aus seiner Familie mehr erinnert.

Ein interessantes Werk, das um so interessanter hätte werden können, wenn die Autorin sich mehr auf die Figurenzeichnung, die politischen Entwicklungen konzentriert und die vielen uninteressanten Details gekürzt hätte.

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Mary Lawson, Im letzten Licht des Herbstes. Heyne Verlag.

Aus dem Englischen von Sabine Lohmann

Mary Lawsons Sprache ist sensibel, feingesponnen, psychologisch tief in Seelen hineinhorchend. Ihre Naturbeschreibungen schwingen im Gleichklang mit den Charakteren der Protagonisten.

Die siebenjährige Clara wartet, stundenlang am Fenster ausharrend, auf ihre vor Monaten verschwundene Schwester Rose. Vergeblich. Von den Eltern bekommt sie wenig Hilfe, sie sind in ihrem eigenen Kummer befangen. Die Nachbarin Elizabeth Orchard, zu der Clara ein inniges Verhältniss hat, kann ihr keinen Trost bieten, denn sie liegt mit Herzproblemen im Spital und weiß, dass sie bald sterben wird. Nun kümmert sich Clara um den Kater der Nachbarin und findet darin einen gewissen Trost. Bis eines Tages ein Mann in das Haus einzieht. Clara versteht die Welt nicht mehr, denn sie hofft ganz fest auf die Rückkehr der Nachbarin. Was macht dieser Mann in dem Haus?

Mit häufigem Erzählerperspektivewechsel schwenkt die Autorin von dem Kind Clara zur sterbenden Eliszabeth und zum ratlosen Neuankömmling Liam Kane, der als Vierjähriger ein gern gesehener Gast bei Elizabeth war und die ihn wie ein eigenes Kind liebte. Als sie weiß, dass sie bald sterben wird, überschreibt sie ihm das Haus. Liam jedoch erinnert sich kaum an diese Zeit, will eigentlich aus dem kalten Ontario so schnell wie möglich wieder weg. Doch die Menschen bringen ihm Vertrauen, Liebe und Freundschaft entgegen und er entschließt sich zu bleiben.

Ein zärtliches Buch über die Liebe und das Vertrauen, das langsam und behutsam entsteht. Großartig auch, wie sich Mary Lawson in die kindliche Seele der siebenjährigen Clara und ebenso in die der sterbenden Elizabeth versetzen kann. Dabei gerät sie niemals in die Gefahr des Kitsches oder der Gefühlsduselei. Treffende Charakterzeichnungen und berührende Naturschilderungen machen das Buch zu einer wervollen Kraftquelle, besonders in Krisenzeiten wie diese.

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Jason Starr, Panik.

Aus dem Amerikanischen von Ulla Kösters

Jason Starr ist ein brillanter Erzähler, er weiß, wie man Spannung aufbaut und Charaktere herausarbeitet.

In dem Thriller „Panik“ geht es um das Problem der Notwehr. Ab wann ist es Tötung, wann Notwehr. In medial interessanten Fällen trifft meist die allgemeine Meinung, sprich die Medien, ein Vorurteil.

Adam Bloom ist ein angesehener Psychiater in New York. Seine Welt ist in Ordnung, bis eines Nachts ein bewaffneter Einbrecher in sein Haus eindringt. Als Bloom ihn erschießt, ist es für ihn Notwehr. Zunächst wird er als Held gefeiert, doch das ändert sich bald…

Hochspannung ist garantiert. Man kann gar nicht aufhören zu lesen!!

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Leila Slimani, Das Land der Anderen. Luchterhand

Aus dem Französsichen von Amélie Thoma

Leila Slimanis Bücher fesseln gleich von der ersten Zeile an. Die in Rabat geborene und in Frankreich lebende Schriftstellerin versteht es, Spannung und Fachkenntnis über beide Kulturkreise geschickt zu verbinden.

Im „Land der Anderen“ erzählt sie die Lebensgeschichte ihrer Großmutter: Mathilde, eine junge Frau aus dem Elsass, verliebt sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den feschen marokkanischen Offizier Amine Belhaj, der in der französischen Armee gekämpft hat. Sie heiraten und sie folgt ihrem Mann nach Marokko, wo er ein kleines Landgut geerbt hat. Dieses will er zu einem Mustergut ausbauen, was aber nicht so ganz gelingt. Zunächst leben die beiden bei der Mutter Amines, direkt in der Altstadt von Meknes.

Es gehört zu den Stärken der Autorin, keine der beiden Kulturkreise zu favorisieren oder zu desavouieren. Sie stattet Mathilde mit viel Verständnis für das Leben in Marokko aus, ohne dass diese ihren Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung aufgeben muss. Ohne zu glorifizieren schildert Slimani spannend und im flüssigen Stil das harte Leben zuerst in Meknes, dann auf dem Landgut. Zunächst verbindet die beiden Eheleute die Lust am Sex, später die pure Notwendigkeit, beisammen zu bleiben. Akzeptanz, wo es nicht anders möglich ist: „So ist das hier“. Punktum, sagt Mathilde ohne Selbstmitleid und packt an. Über die Sorgen und die harte Arbeit verlieren die beiden das Verständnis füreinander, aber sie bleiben zusammen. Jeder lernt vom anderen. Mathilde möchte die Welt ihres Mannes verstehen, findet aber nicht die geeigneten Worte dafür. Für die neue Welt hätte sie „neue Worte“ gebraucht.

Slimani gelingt es, die Rolle Mathildes und ihre Sicht auf die neue Welt und die Amines verständlich zu machen. Sie ergreift als Erzählerin nie Partei. Das macht den Roman doppelt wertvoll.

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Petra Reski, Als ich einmal in den Canal Grande fiel. Vom Leben in Venedig

Droemer Verlag

Petra Reski ist eine mutige Frau, die sich traut, die Machenschaften der Politiker, Tourismusgiganten und Aufkäufer Venedigs aufzudecken und mit Fakten und Zahlen zu belegen. Mutig deswegen, weil sie offensichtlich keine Angst vor Repressionen hat. Von Rückschlägen und Rauswürfen (z.B. aus dem Büro des Ex-Bürgermeisters Cacciari) lässt sie sich nicht entmutigen.

Als Journalistin unter anderem für FAZ und Stern war sie schon fast überall in der Welt. Aber Venedig war erst spät auf ihrer Liste. Humorvoll beschreibt sie ihre staunende Naivität, mit der sie Venedig 1989 das erste Mal erlebt. Gleich zu Beginn lernt sie einen Venezianer kennen, der bald darauf „ihr Venezianer“ wird. Dieser wohnt in einem Palazzo, stammt aus einem Dogengeschlecht und beschäftigt sich hauptsächlich mit Bewahren und Sammeln. Alles, was für Venedig heute und in der Vergangenheit wichtig ist. Seit sie ihn das erste Mal sah, sind 30 Jahre vergangen, und beide sind ein Paar und kümmern sich um das Schicksal von Venedig. Jeder auf seine Weise.

Mit viel Humor beschreibt Petra Reski ihre Hoppalas, die sie als Neuling in Venedig beging. Wenn sie stolz das neu erworbene Boot durch die Kanäle lenkt, knapp an anderen Schiffen vorbeirammt und bei dem Versuch, das Boot elegant zu vertäuen, in den Canal Grande fällt. Schnell aber wird sie ernst. Immer intensiver beteiligt sie sich an den Widerstandskämpfen gegen Korruption und Ausverkauf, verteilt Infozettel, auf denen für ein Referendum über die Autonomie Venedigs geworben wird. Obwohl genug Stimmen zusammenkommen, erklärt der Bürgermeister Luigi Brugnaro das Referendum mit einem fadenscheinigen Grund für ungültig. Die Autonomie wäre lebensrettend für Venedig. Denn alle bisherigen Bürgermeister lebten nie in Venedig, hatten kein Interesse am Erhalt der Stadt.

Viele Probleme, die Petra Reski aufzeigt, sind Venedigliebhabern bekannt. Wie die Vermietung jedes Quadratmeters an Touristen, der Ausverkauf der Paläste an Immobilienhaie, Benetton oder Pinault.Aber von den verheerenden Konsequenzen wird man erst durch dieses Buch klipp und klar informiert.

Die Kreuzfahrtschiffe kommen trotz Verbotsankündigungen immer noch nach Venedig. Und eines der größten Probleme ist die Zerstörung des Ökosystems in der Lagune. Nach dem Hochwasser von November 2019 von 1,60 m wird klar, wie sinnlos das vielgelobte Schleusensystem MOSE ist und wieviel Geld damit verschleudert wurde. Es sind die korrupten Politiker, die an Venedigs Ausverkauf ordentlich verdienen.

Am Ende des Buches beschreibt Petra Reski die Zeit des Lockdowns, als Venedig frei von den Touristenmassen, Ausflugsbooten und singenden Gondolieri war. Eine Zeit der Stille und Schönheit, die nicht lange andauern wird.

Petra Reski schrieb ein Buch, das alle Venedigliebhaber lesen sollten. Aber nicht nur die. Es sollte Pflichtlektüre für alle werden, die an Venedig verdienen und es sukzessive zerstören. Aber das bleibt Wunschdenken.

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Ivica Prtenjaca, Der Berg. FolioVerlag

Aus dem Kroatischen von Klaus Detlev Olov

Die Geschichte liest sich zu Beginn wie die Umkehr des Romans von Marlen Haushofer „Die Wand“. Während die Protagonistin in Haushofers Roman unfreiwillig durch eine unsichtbare Wand von der Welt abgeschlossen wird, begibt sich der Icherzähler freiwillig und aus Ekel an dem oberflächlichen Leben, das er bisher als Kulturbobo in Zagreb führte, auf eine kleine Adriainsel, um dort in der Bergeinsamkeit drei Monate als Brandwächter zu leben. Wie auch in Haushofers Roman genießt er die Gesellschaft eines Tieres, nämlich eines alten Esels, den er ob der Würde und Gelassenheit, die dieser ausstrahlt, Visconti nennt. Gelegentlich auch „Graf Visconti“.Als dieser altersschwach sich zum Sterben hinlegt, bleibt er bis zum letzten Atemzug bei ihm und begräbt ihn oben auf dem Berg. Die erste Zeit genießt er die Einsamkeit, die Wildnis und die primitive Behausung. Doch aus dem Rückzug aus seinem eigenem Leben taucht der Icherzähler immer mehr in die Vergangeneit der Inselbewohner (wahrscheinlich Male Losinj) ein, erfährt von den Wunden, die der letzte Krieg in den Seelen der Menschen dauerhaft geschlagen hat. Aus dem Menschenflüchter wird ein Menschenversteher, der die Würde der wenigen Bewohner dieser Insel erkennt und achtet.

Ganz ungestört bleibt sein Rückzugsort nicht. Immer wieder marschieren Scharen von Touristen auf den Berg, meist gänzlich ohne Blick für die Natur, oft muss er sie sogar mit Wasser und selbstgebackenem Brot „laben“, was ihm den Schein eines Naturheiligen verleiht. Mit Ärger und Argwohn beobachtet er mit seinem Fernrohr die Zunahme des Tourismus und fürchtet um die Existenz der Inselbewohner. Der Ärger über die Menschen, die ohne Respekt und Einfühlungsvermögen über die Insel trampeln, wird immer stärker:“Der Ekel vor dem menschlichen Verhalten (gemeint der Touristen) hat bei mir alle anderen Emotionen und Einstellungen überwuchert.“ (p 127)

Dem Autor ging es nicht um eine neormantische Verherrlichung der Natur, schon gar nicht um eine Art Aufruf à la Rousseau. Auch wollte er nicht einem klösterlich-veganen Leben das Wort reden. Also warum dann dieses Buch? Es ist die sprachlich gelungene Version einer Einkehr in sich selbst, ohne den Blick auf die Außenwelt zu verlieren. Und es ist eine Mahnung, nicht die letzten Rückzugsorte der Ursprünglichkeit zu zerstören. Denn als er nach Ablauf der drei Monate die Insel verlässt, rücken Bagger und Kräne an. In der stillen Meeresbucht Javorna soll ein Luxusresort mit Golfplatz errichtet werden. Die Bewohner wurden bereits enteignet. – Er kehrt zurück nach Zagreb, begleitet von der Hündin Ciba, die ihm auf dem Berg oben zugelaufen ist. Ob er nach den drei Monaten auf dem Berg ein anderer geworden ist? Welches Leben wird er in Zagreb führen? Alles bleibt offen.

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Der Titel verheißt eher eine nüchterne, historische Abhandlung. Indes: Monika Czernin gelingt es trotz hoher Wissenschaftlichkeit und Genauigkeit ein spannendes Bild von Joseph II. zu zeichnen.

Joseph II. (1741- 1790) gilt allgemein als ein nüchterner Aufklärer, über den man gerade einmal weiß, dass er viele Klöster auflöste und die Leibeigenschaft aufhob. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an das Toleranzpatent, das Österreich ihm zu verdanken hat.

Was aber hinter dem offiziellen Image dieses sensiblen, überaus klugen Herrschers steckt, das erfährt man zum ersten Mal in diesem exzellent geschriebenen Werk. Schon als Knabe widersetzte er sich den rigorosen Erziehungsmethoden am Hof, wurde ein glühender Verfechter der Aufklärung, deren Lehren er, so weit es ihm möglich war, in seiner Regierungszeit umsetzte. Trotz der Widerstände seiner Mutter Maria Theresia und des Hochadels. Er sah „über den Tellerrand höfisch – feudaler Herrschaftstraditionen und Klientelpolitik hinaus und mischte sich unter das Volk“ (p.330) Genau dieses mitfühlende Hinschauen trieb den jungen Herrscher an und veranlasste ihn, sein Reich bis an die äußersten Grenzen zu bereisen und die Nöte der Menschen kennenzulernen. Er reiste als Graf Falkenstein incognito, um keine Zeit mit unnötigen Empfängen zu verschwenden. Doch oftmals erkannte ihn die Bevölkerung und überreichte ihm zahllose Bittschriften. Keine davon blieb unbeachtet. Wo er vor Ort helfen konnte, tat er es. Lange Aufenthalte für .genussvolles Sightseeing gönnte er sich kaum. Ihm war es wichtiger, in die Hütten statt in die Paläste zu treten. Dem Elend und den Krankheiten wich er nicht aus, im Gegenteil, besuchte die Stätten, wo Kranke elendiglich untergebracht waren, scheute sich nicht, Säle mit Pocken- oder Lungenkranken zu betreten. Seine Neugier und sein Wille zu helfen und Missstände abzuschaffen waren unfassbar unerschöpflich. Weil er das Elend der leibeigenen Bauern miterlebte, schaffte er unter großen Widerständen die Leibeigenschaft ab. Sein Ziel war es, dieses riesige, unüberschaubare Reich der Habsburger in einen für die damalige Zeit modernen Staat hinüberzuführen. Nicht alles gelang ihm. Am Ende seines Lebens soll er gesagt haben: „Ich habe immer nur gewollt!“

Monika Czernin beschreibt aber nicht nur ausführlich die Routen und Aufenthalte mit allen Konsequenzen, die Joseph aus diesen bitteren Erfahrungen zog, sondern beleuchtet auch dezent das Privatleben des Kaisers: Seine große Liebe zu seiner ersten Ehefrau Isabella von Bourbon-Parma, den unerträglichen Schmerz über ihren Tod (1763), mit welch zärtlicher Liebe er seine Tochter Maria-Theresia erzog, die er 1770 ebenfalls sehr früh verlor. Während seiner Reise durch das Zarenreich (1787) kaufte er auf einem Sklavenmarkt ein kleines Tatarenmädchen frei, nahm es mit nach Wien, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das ist nur eine der vielen Episoden, in denen sich die private Seite Jospehs offenbart.

Schmunzelnd liest man auch die Versuche, das Eheleben von Maria Antoinette und Ludwig XVI. in Ordnung zu bringen. Denn seit Jahren hatten die beiden keinen funktionierenden Beischlaf. Joseph scheut sich nicht, dem unerfahrenen König eine Sexlektion zu erteilen. Genau beschreibt er in einem Brief an seinen Bruder Leopold, wie er dem König die Funktion des Gliedes und der Erektion erklärt hatte. Einmal Aufklärer, immer Aufklärer.

Die Gefahr, in der sich Frankreich, insbesondere das Königspaar, kurz vor dem Ausbruch der Revolution befindet, sieht er ganz genau. Den grausamen Tod der beiden hat Joseph nicht mehr miterleben müssen. Er stirbt am 20. Februar 1790, gerade einmal 49jährig. Im Epilog erläutert Monika Czernin die Gründe, warum sie sich einige Jahre intensiv mit Joseph II. beschäftigte: Die Zeit vor der Französichen Revolution weist Parallelen zur Gegenwart auf: Pandemien, auseinanderklaffende Gesellschaften, Arme, die immer ärmer werden, Reiche, die immer reicher werden, all das brachte die alten Reiche einst ins Schwanken und bringt die Welt des 21. Jahhunderts ebenfalls aus dem Gleichgewicht.

Erschienen im Penguin Verlag: http://www.penguin-verlag.de

Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds. Heyne Verlag

Mehr eine Natur-Geschichte über die Halligen als ein Roman

Die Halligen-Inseln in der Nordsee werden immer von heftigen Meereswellen überspült. Das Leben der Menschen und Tiere steht immer unter der Macht des Wassers.

Klara Jahn hat die Geschichte, ihr Werden und Verschwinden, die Probleme der dort ansässigen Bauern und der Tiere – sowohl der Wildtiere als auch der Haustiere – sehr genau studiert. Sie lässt diese Beobachten reichlich, manchmal allzu reichlich in den Roman einfließen. Oft hat man beim Lesen den Eindruck, eine popularwissenschaftliche Abhandlung zu lesen.

Das Geschehen spielt in zwei Zeitebenen mit unterschiedlichen Personen. Berührungspunkte zwischen diesen Ebenen gibt es nur insofern, als alle auf der Hallig leben. Die einen aber zwei Generationen früher. Zu einer Zeitt, in der die Kinder ohne Schule aufwuchsen und die Bauern und Fischer gegen de Sturmfluten kämfpten.

Generationen später, also heute, hat sich nicht viel geändert. Ellen lebte einige Zeit als Kind auf der Insel, kehrt Jahre später auf die Hallig zurück. Sie bringt den unwilligen Kindern bei, dass das Wissen um ihre Heimat wichtig ist. Es gelingt ihr auch, ihre mürrische Halbschwester Liske zu einer menschenfreundlicheren Umgang mit ihren Angehörigen zu bewegen. Und vor allem, dass Liske zu ihrem Traum steht: Reisen. Ellen selbst findet im dem stillen Jakob einen Partner für das Leben. Sie will bleiben und weiter gegen die Zerstörung der Umwelt und den Erhalt der Hallig kämpfen.

Eine allzu tüchtige Ellen, die uns da die Autorin nahe zu bringen versucht. Doch bleibt sie und die anderen Figuren des Romans irgendwie flach, wenig griffig. Denn die Natur ist die eigentliche Protagonistin.

Martin Mosebach: Krass. Rowohlt.

Wieder ein Fall aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Das Feuilleton überschlägt sich mit Lobeshymnen. Keiner sagt: Der Roman ist eine Mühsal für den Leser.

Martin Mosebach liebt das Dekor bis zur Krassheit. Im üppigen Sprachbarock quält er die handelnden Personen durch das Geschehen, das recht dürftig ist. Seine Erzählkunst ergießt sich in wuchernde Details. Das muss man aushalten. Manche enthusiastischen Kritiker bezeichnen den Roman als „pageturner“. Ja, insofern richtig, wenn man unter „pageturner“ versteht, dass der Leser manche Seiten im Eilverfahren überblättert oder querliest..

Der Inhalt ist schnell erzählt:

Teil 1 nennt sich „Allegro imbarazzante“ – ich würde das sinngemäß so interpretieren: Der heitere Teil, der den Leser in ziemliche Verlegenheit versetzt. Denn er weiß nicht, wie er mit diesen schamlos-üppigen und selbstherrlichen Herrn Krass umgehen soll. Der hält ein paar Möchtegernvips als Art dümmliche Höflinge. In Neapel und Umgebung werden sie mit allem Luxus gefüttert, Essen, auch Kunst und Natur. Und müssen sich genau an seine Anweisungen halten. Diese erteilt er nicht selbst, sondern der unbedarfte und ziemlich überforderte Dr. Jüngel. Die Namen sind durchaus als Charakterbezeichnungen zu verstehen. Dann plötzlicher Abbruch, weil die reizende Lidewine Schoonemaker sich mit einem Kellner eingelassen hat, obwohl ihr Krass jeglichen Sex verboten hat. Lassen wir diesen Teil als Kritik an der verschwenderischen, kriecherischen und manipulierbaren Wohlstandsgesellschaft gelten.

Teil 2 „Andante pensieroso“ Es wäre nicht Mosebach, wenn nicht auch dieser Teil ziemlich skurril ausfällt. : Ende der lustvollen Reise. Jüngel verzieht sich in die französische Einsamkeit, um sein angeschlagenes Ich aufzupolieren. Dort lernt er die Freuden des naturnahen und asketischen Lebens kennen. Der Teil ist wohl als ironischer Gegenentwurf zum Lebensstil des Herrn Krass zu verstehen. Da wird Schnaps bis zum Umfallen getrunken, Milch direkt aus dem Euter der Kuh geschlürft und in faschistoider Vergangenheit geschwelgt. Alles schön langsam und „gedankenvoll“ , wie es das Leitmotiv verheißt.

Teil 3 Marcia funebre – Trauermarsch. Alle Wege führen nach Kairo, wo sich alle Hauptfiguren wieder treffen. Krass ist total verarmt, schlurft als Obdachloser durch die Gassen, wird vom Rechtsanwalt Mohammed aufgenommen. Lidewine ist Galeristin und verliebt sich in Mohammed. Jüngel ist was er immer war: ein hilfloser Zuschauer. Am Ende stirbt Krass in einer furiosen Trauerwortkaskade.

Kein Zweifel, Martin Mosebach kann schreiben. Aber nicht erzählen. Da zerbricht allzu viel im Pathos, gewolltem oder ungewolltem Kitsch. Schade, denn die Satire auf unsere Überflussgesellschaft hätte gelingen können, bringt sich aber selbst im Wort- und Metaphernüberfluss um.

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Herbert Lackner: Rückkehr in die fremde Heimat. Verlag Ueberreuter

Untertitel: Die vertriebenen Dichter und Denker und die ernüchternde Nachkriegswirklicheit

Mit diesem Buch vollendet Herbert Lackner, ehemals stellvertretender Chefredakteur der Arbeiter Zeitung und danach Profil-Chefredakteur, seine Trilogie über das Schicksal der Künstler, Journalisten, und Politiker vor der Emigration („Als die Nacht sich senkte“), in der Emigration („Die Flucht der Dichter und Denker“) und nun also mit „Rückkehr in die fremde Heimat“ die Zeit nach dem Ende des 2. Weltkrieges, als viele der Emigrierten in die Heimat zurückkehrten. Wie sie empfangen wurden, beschreibt Herbert Lackner mit kühler Distanz und größtmöglicher Objektivität. Mit wenigen Worten zusammengefasst: Sie waren allesamt nicht willkommen.

Ein Buch, das verstört und erschreckt.

Europa zerfällt lange vor dem Eisernen Vorhang in zwei Teile. Im Osten regiert Stalin, verfolgt, foltert und lässt hinrichten, wer immer ihm nicht passt. Darunter auch Kommunisten, die aus der USA, London -also dem Westen – nach Russland zurückkehren. Sie werden als „wurzellose Kosmopoliten“ (S 125ff) verunglimpft, unter Folter zu den unsinnigsten Geständnissen gezwungen und schließlich hingerichtet.

In den USA beginnt die Jagd nach den Kommunisten. Jeder Emigrant ist in Gefahr, als Kommunist angeklagt und ausgewiesen zu werden. Friedrich Torberg bespitzeltt Bert Brecht. Walt Disney vernadert namhafte Schauspieler. In ganz Hollywood scheint jeder jeden als Kommunisten zu verdächtigen. Hanns Eisler wird ausgewiesen, Brecht bricht in die Schweiz auf, Charlie Chaplin wird verhört und verlässt die USA Richtung Schweiz. Ebenso Thomas Mann. Erst Eisenhower macht 1954 diesem Treiben ein Ende.

Alfred Polgar beschreibt die Lage der Emigranten so: „Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde.“ (S136) Als er über Wien und Salzburg nach München und schließlich nach Zürich reist, stellt er lakonisch fest: Überall Alt-Nazis.

Auch die nach Österreich Zurückgekehrten, müssen feststellen, dass sie in ihrer alten Heimat ganz und gar nicht willkommen sind. Herbert Lackner konstatiert „ein nahtloses Hineinwachsen der Elite des autoritären Ständestaates in die Zweite Republik“ (S 161). Erschreckend ist die Zahl der Alt-Nazis, die weiter das politische Sagen haben.

Die Trilogie ist bester Geschichtsunterricht: Ausgezeichnet recherchiert, mit überzeugender Objektivität geschrieben. Für alle, die glaubten, schon alles über diese dunkle Zeit zu wissen, bietet sie viele neue, bis dato weniger bekannte Fakten und Überraschungen.

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Roberto Andò: Ciros Versteck. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Roberto Andò, 1959 in Palermo geboren, ist vor allem als Regisseur bekannt. Seinen jüngst auf Deutsch erschienen Roman verfilmte er selbst unter dem Titel „Il Bambino nascosto“.

Er kennt die WElt der Mafia, hat als Kind selbst erlebt, dass Mitglieder einer Kinderbande die Mutter eines Mafiabosses überfielen und danach wie vom ERdboden verschwanden, ohne dass die Familie ihr Verschwinden anzeigte.

Der Roman zeigt die unterschwelligen, von der Öffentlichkeit weniger bekannten Machenschaften der Mafia auf: Ciro, ein etwa zehnjähriger Straßenbub, versteckt sich vor der rachelüsternen Mafia in der Wohnung des Klavierlehrers Gabriele Santoro. Er hat gemeinsam mit einem Freund die Mutter eine Mafiabosses überfallen und dabei so schwer verletzt, dass sie im Spital stirbt. Ciro weiß, was ihm blüht, wenn ihn die Mafiafamilie findet: der sichere Tod. Verängstigt flüchtet er in die Wohnung des zurückgezogen lebenden Musikers. Vorsichtig und geduldig nähert sich in Gesprächen Gabriele seinem ungebetenen kleinen Gast an. Bald weiß er, in welcher Gefahr dieser schwebt. Nun muss er eine Entscheidung treffen: den Bub ausliefern und dem sicheren Tod überlassen oder ihm helfen und dabei seine eigene Existenz gefährden, wenn nicht sogar beider Leben. Es ist eine Frage, die der Autor mit der Situation Antigones vergleicht: Gabriele entscheidet sich für das persönliche Rechtsgefühl und gegen das staatliche, das von ihm die Auslieferung verlangt hätte.

Das Besondere an diesem Buch: die langsame Annäherung zweier Menschen, die verschiedener nicht sein könnten: Da der schüchtern- sensible Eigenbrötler Gabriele, der nur für sein Klavierspiel lebt. Das Gegenüber: Ciro, ein Bub, der die Härte der Gosse und Gasse kennt, dessen Eltern sich nie um ihn kümmerten. Beide kommen einander vorsichtig und langsam näher, bis eine tiefe Bindung entsteht. Sprachlich feinfühlend und großartig!

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Pola Oloixarac, Wilde Theorien. Wagenbach Verlag

Aus dem argentinischen Spanisch von Matthias Strobel

„Pola Oloixarac ist eine der besten Schriftstellerinnen des Internets, dem einzigen Land, das größer ist als Argentinien“ schreibt Joshua Cohen auf dem Innenumschlag des Buches.

„Oloixaracs Sprache könnte schärfer nicht sein“ Spiegel Online, ebenda

„Ohne Zweifel einer der ersten spanischsprachigen Klassiker des 21. Jahrhunderts“. El Mundo – lese ich auf der Rückseite des Covers.

Ich orte einen akuten Fall von „Des Kaisers neue Kleider“!!! Kein Kritiker traut sich zu sagen, dass dieses Buch unverständlich ist. Um sich keine Blöße zu geben – man will ja nicht als Philosphie und Psychologie – und sonstiger Kulturbanause dastehen, lobt man, was man nicht versteht. So ist man auf der sicheren Seite.

Also ich gestehe: ich habe nicht verstanden, was diese Autorin erzählen will. Da geht es um einen Urwaldforscher, der verschollen ist, um Psychos mit „wilden Theorien“, dem Paar K. und Papst, die sich in sado-masochistischen Praktiken üben, um eine angeblich schöne Philosophiestudentin, die in Buenos Aires ihr Unwesen treibt..

Als ich in einer Radiobuchbesprechung hörte, dass der Roman in Buenos Aires handelt und vieles sich um Psychoanalyse dreht, war ich neugierig. Ich lebte einige Zeit in dem Stadtviertel Palermo, bevor es zur schicken Bistro- und Hotelzone wurde, also lange vor 2015. Da saßen die Studenten in den herrlich verschmuddelten Cafés und diskutierten über Freud und die Entwicklung der Psychoanalse. Mag sein, dass es auch solche Figuren wie in dem Roman gab, aber die Mehrheit war um Ernsthaftigkeit bemüht.

Bei der Lektüre des Buches stellte sich mir wie so oft bei hoch gelobten Genieautoren die Frage: Quo vadis Literatur?

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Dacia Maraini, Trio. Folio Verlag

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Als Dacia Maraini für ihr Buch „Die stumme Herzogin“ recherchierte, stieß sie auf die Chronik der Pest, die 1743 in Messina ausbrach. Als Corona sich in Italien und ganz Europa auszubreiten begann, erinnert sich Dacia Maraini an die Geschichte der Pest und arbeitet diese historisch belegten Fakten in den Roman „Trio“ ein.

Es scheint, dass die Autorin für Dreierbeziehung in ihren Romanen eine gewisse Vorliebe hat. Ihr vorletzter Roman handelt von drei Frauen – so auch der Titel- und den Generationsproblemen zwischen den Alten, den Mittelalterlichen und den Jungen.Im „Trio“ geht es salopp gesagt um eine „Menage à trois“. Annuzza und Agata sind Freundinnen seit Kindheit an. Als sie sich beide in den schönen, edlen, klugen Girolamo (gibt es solche Männer überhaupt???) verlieben, zerbricht ihre Freundschaft daran nicht, im Gegenteil, sie wird fester, stärker. Girolamo heiratet Annuzza, hält sich aber Agata als Geliebte, die er mit Wissen Annuzzas, wann immer ihm danach ist, aufsucht. Den viel interessanteren Rahmen dieser etwas gefühlstriefenden Geschichte bildet jedoch die Geschichte der Pest. Man staunt, welche Maßnahmen man damals schon kannte: 40 Tage Quanrantäne, nur abgekochtes Wasser verwenden, Sauberkeit als oberste Prämisse.

Der kurze Roman liest sich leicht, aber der Verdacht kommt auf, dass er eine „Anlassgeschichte“ zur Coronaepidemie ist, eine Art „Restlverwertung“. Denn die Geschichte der Dreierbeziehung ist etwas dünn geraten.

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Elisabeth-Joe Harriet: Wolfgang Amadé. Dichtung und Wahrheit

Was Sie schon immer über Mozart wissen wollten! Mit Mozarts Hund „Gaukerl“ vom ersten bis zum letzten Auftritt in Wien

Immer durch dieselben Straßen, immer durch dieselben Parkanlagen und Gärten zu spazieren verliert langsam seinen Reiz. Gegen die coronabedingte Spaziermüdigkeit hilft dieses Büchlein, das zu Mozarts Wirkungsstätten führt. In die Tasche stecken und los geht`s in schmale Gassen in der Innenstadt, in Hinterhöfe, auch zu wenig bekannten Plätzen in der Vorstadt.

Die Autorin kennt „ihren Mozart“! Sie führt die Leser zu den Orten, die Mozart in den letzten zehn Jahren in Wien frequentierte. Als Mozartguide fungiert der Hund „Gaukerl“. Humorvoll kommentiert er aus Hundesicht das Geschehen. Diese gelungene Mischung aus Information und Humor ist ja Harriets Stärke. Wer sie zum Beispiel von ihren Auftritten als Arthur Schnitzlers Witwe kennt, weiß das zu schätzen. In diesem Buch erfährt man nicht nur viel über Mozart, sondern auch so manches Wissenswertes aus der Wiener Gesellschaft. Etwa wie Johann Edler von Trattner zu seinem immensen Reichtum kam: Er hatte das Privileg, Schulbücher für alle Schulen in der Monarchie zu verlegen. Außerdem verdiente er sich mit Raubkopien eine goldene Nase. Und er legte das gewonnene Geld klug in Grundstücke und Immobilien an. Bedenkenlos ließ er alte Häuser abreißen und baute den heutigen Trattnerhof , wo er unter anderem ein florierendes Casino einrichtete. Die Story erinnert an so manche Immobiliengrößen von heute.

Nicht uninteressant sind die regelmäßigen Besuche Mozarts in der Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“, wo sich besonders viele Künstler versammelten. Ein Logenbruder war auch Angelo Soliman. Als prominenter Schwarzer, damals Mohr genannt, erlangte er durch seinen Tod traurige Berühmtheit: Kaiser Franz II. ließ ihn von dem Bildhauer Franz Thaler abhäuten und ausstopfen. Bis 1848 konnte man ihn in der Naturalien-Sammlung des Kaisers mitten unter Wasserschweinen und seltenen Vögeln bewundern.

Lebendig und pointiert lässt Elisabeth – Joe Harriet das Leben Mozarts inmitten der Wiener Gesellschaft, von reichlichem Bildmaterial begleitet, entstehen. Der schmale Band sticht angenehm aus den oft schwer lesbaren, allzu wissenschaftlichen Büchern über Mozart heraus. Eine gute Medizin gegen Coronaüberdruss! Die Autorin wird -sobald es coronabedingt möglich ist – zu Mozarts Stätten führen .

http://www.V-A-N.at

Alle Informationen über Elisabeth-Joe Harriet als Schauspielerin, Autorin und Reiseorganisatorin: http://www.elisabeth-joe-harriet.com

Dieser Doppelnutzen macht das Buch besonders attraktiv: Einerseits erlebt man die zehn letzten Lebensjahre Mozarts direkt vor Ort nach, andrerseits sind solche Apercus über die Wiener Gesellschaft auch nicht uninteressant.

Also den Frust über die ewig gleichen Spazierwege vergessen und auf Mozarts Spuren mit dem Buch in der Hand losziehen.

Lukas Hartmann: Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter.

Diogenes Verlag

Traurig schließe ich dieses Buch. Traurig, weil es zu Ende ist. So fühle ich mich immer, wenn ich – was selten genug der Fall ist – ein Buch beendet habe, das mich durch Tage gefangen hielt. Eine literarische Kostbarkeit darf nur in kleinen Dosen genossen werden, sage ich und lese immer nur ein Kapitel. Dann lege ich das Buch weg. Lasse Sprache und Bilder, die Hartmann einfühlsam und subtil erstehen lässt, in mir wirken, lese einige Stellen nochmals, um sie besser in mich aufnehmen zu können und lange zu bewahren.

Lukas Hartmann ist kein „Seitenfüller“. Seine Sätze sind jeder für sich kostbar, bildhaft, stark. Banalitäten lässt er nicht durchgehen. Denn die Bilder des Malers Louis Soutter, dessen Leben und Werke Lukas Hartmann auf knapp 250 Seiten beschreibt, waren für ihn „ein künstlerisches Offenbarungserlebnis“, wie er im Nachwort gesteht. Erst nach langer und eingehender Beschäftigung mit diesem Ausnahmekünstler wagte er es, dieses Buch zu schreiben.

Die alles beherrschende Mutter

Louis Soutter (1871 -1942) wächst in einem gut bürgerlichen Haus in Morges am Genfer See auf. Er und seine Schwester Jeanne werden von der ehrgeizigen Mutter zu „Wunderkindern“ gedrillt. Sie sollen als Musiker Weltkarriere machen: Louis als Geigenvirtuose und Jeanne als Sängerin. Beide versuchen immer wieder, sich diesem Zwang zu entziehen. Mit mäßigem Erfolg. Das übergroße Mutterbild wird ihr Leben beherrschen und zum Teil auch ruinieren. Nur der Älteste der drei Kinder, Albert, scheint zunächst davonzukommen. Er übernimmt die Apotheke des Vaters. Doch auch er scheitert und rettet sich in den Suff.

Louis versucht tatsächlich ein Geigenstudium, gibt es aber bald zu Gunsten der Malerei auf. Seine Heirat mit einer reichen Amerikanerin scheitert kläglich, weil er ihren Anforderungen nicht genügen kann. Zurück in der Schweiz, versucht er mit mäßigem Erfolg, sein Geld als Geiger zu verdienen. Aber er spürt, es ist die Malerei, die sein Leben bestimmt. Unfähig, sich selbst zu erhalten, wird er bald in ein Altersheim eingewiesen, wo er 19 Jahre bis zu seinem Tod 1942 bleiben wird. In einem armseligen Zimmer malt er wie besessen. Bilder, die sich ihm aufdrängen. Er kann nicht anders, er muss seine inneren Qualen, seine Visionen vom kommenden Krieg malen.Hellsichtig weiß er, dass Mussolini und Hitler den Tod von Millionen Menschen verursachen werden.

Seine Bilder

Seine Bilder wurden zu Lebzeiten von niemandem geschätzt. Heute werden sie in verschiedenen Museen ausgestellt. Soutter selbst hatte Zweifel, ob sie irgendwem einmal etwas bedeuten werden. Manche Bilder zerreißt er, manche verschenkt er, die meisten stapelt er in seiner Kammer zu großen Haufen. Als seine Augen immer schwächer werden, malt er mit Fingern, lässt sie wie in Trance über das Papier tanzen, einer inneren Musik folgend. Er stirbt 1942 einsam in seiner Kammer, inmitten einer Unmenge von Werken.

Geschickt beleuchtet Lukas Hartmann diesen schwierigen und schwer fassbaren Charakter von verschiedenen Seiten und wechselt den Standpunkt der Betrachter. Einige Male reflektiert die Mutter in der Ichform über ihre Wünsche und Vorstellungen, die sie für die Kinder hatte. Als objektiver Beobachter fungiert ebenfalls der Cousin Charles-Edouard, der später als Architekt Le Corbusier eine intenationale Karriere machen wird. Dass die beiden in Anschauungen und Lebensformen total verschieden sind, wird dem Cousin sehr schnell klar. Dennoch besucht er Louis in Abständen von mehreren Jahren immer wieder, obwohl er mit seinen Bildern nichts anzufangen weiß. Aber die intensiven und sehr kontroversiell geführten Auseinandersetzungen über die Aufgaben der Kunst faszinieren den Cousin.( Dass Hartmann von der kalten Architektur Le Corbusiers nicht sehr viel hält, lässt er dabei deutlich werden) Als glühender Verehrer von Mussolini und Hitler wird Corbusier erst nach dem Tod von Louis dessen Hellsichtigkeit erkennen.

Besonders berührend schildert der Autor das innige Verhältnis zwischen Louis und seiner Schwester Jeanne. Sie ist die einzige aus der Familie, die ihn versteht und versucht, ihm in seiner Lebensuntüchtigkeit Halt zu geben. Die Kindheit der beiden, die, vertieft in Spiele und erfüllt von gegenseitiger Zärtlichkeit, der Härte der Mutter zu entgehen versuchen und sich eine eigene Welt bauen, war nur in diesen Phasen des ungestörten Zusammenseins glücklich. Doch auch Jeanne wird später nicht die nötige Kraft aufbieten, sich gegen die Mutter zu stellen. Sie zerbricht in diesem Kampf und wird Selbstmord beghen.

Das Leben Louis Soutters erinnert in vielen Zügen an den Schweizer Autor Robert Walser (1878-1956). Beide hatten mit den bürgerlichen Lebensformen und den Anforderungen der Gesellschaft an sie schwere Probleme. Beide versuchten im Gehen über weite Strecken ihre innere Unruhe zu bezähmen. Beide fanden in der (unfreiwilligen) Abgeschlossenheit eines Heimes einen gewissen Frieden und schufen wichtige Werke. Auch der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) erlitt ein ähnliches Schicksal: Nach der schmerzvollen Trennung von seiner Geliebten Suzette Gontard und nach deren Tod zerbricht in ihm das Korsett, das ihn bis dahin in einer gewissen bürgerlichen Bahn gehalten hat. Er geht, geht, geht, weit und als er nach Tübingen zurückkehrt, hat sich sein Geist verwirrt, so glaubt man.Nach einer sinnlosen Zwangsbehandlung im Tübinger Klinikum zieht sich Hölderlin bis zu seinem Tod in die Einsamkeit eines Turmes zurück. Und vielleicht darf ich auch Parallelen zu Peter Handke ziehen. Er wählt die Abgeschiedenheit selbstbestimmt. Ebenso wie Soutter und Walser ist ihm das Gehen in der Natur Impuls und schafft ihm inneren Frieden.

All diesen Künstlern gemeinsam ist das innere Brennen für ihre Kunst, das bedingungslose Wollen und Schaffen. Lukas Hartann ist ein congenialer Übersetzer, Vermittler zwischen diesem so schwer fassbaren Künstler Louis Soutter und den Lesern. In der Flut der historischen Biografien, die zur Zeit den Markt überschwemmen, leuchtet dieses Buch als seltener Diamant heraus.

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Malte Herwig: Der große Kalanag. Penguin Verlag

Untertitel: Wie Hitlers Zauberer die Vergangenheit verschwinden ließ und die WElt eroberte.

Zauberer, so lesen wir, waren am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesellschaftsfähig bis in höchste Kreise hinauf. Auch Intellektuelle und Künstler interessierten sich für die Zauberer und deren Macht über die Menschen. Thomas Mann kleidet in seiner 1930 erschienenen Erzählung „Mario und der Zauberer“ prophetisch die dämonische Macht des Faschismus in die Person des Zauberers Cipolla ein.

Malte Herwig hat in dieser Biografie das Leben des Helmut Schreiber, alias Kala Nag oder Kalanag, wie er sich zuerst nach dem Elefant aus dem „Dschungelbuch“ benannte, fast mikroskopisch genau recherchiert und daraus eine interessante Biografie geschrieben. Schreiber, der schon mit 15 Jahren als Zauberer auftritt, ist von immensem Ehrgeiz zerfressen: Er will der beste Zauberer aller Zeiten werden. Früh erkennt er, dass Zauberkunststücke allein nicht genügen, er muss das Publikum für sich gewinnen, es faszinieren, um es zu beherrschen. Er macht Karriere, begeistert das Bildungsbürgertum der Zwischenkriegszeit, wird die wichtigste Figur im Verein „Der magische Zirkel“, bald auch auch der Direktor. In dieser leitenden Stellung versteht er es geschickt, eventuelle Konkurrenten auszuschalten, zu desavouieren.

Bald schon wird er zum Entertainer der NS-Gesellschaft, wird von Göring, Göbbels und vor allem von Hitler eingeladen zu zaubern und tourt mit seiner Zauberrevue durch Europa. So nebenbei produziert er auch Nazifilme und wird Chef der Bavaria. Lauthals stimmt er in den Chor ader antijüdischen Hasspropaganda ein. Und dann bricht das 1000-jährige Reich zusammen, und man könnte meinen, jetzt ist es aus mit dem großen Zauber. Nein, für Helmut Schneider nicht. Er weiß ja, wie man blendet, ablenkt. Kurz: es gelingt ihm zunächst nicht, sich vor den Amerikanern gänzlich „rein“ zu zaubern. Doch vor den Engländern erzählt er ohne Scham, er sei nie in der Partei gewesen, ja , ganz im Gegenteil, er habe im Widerstand gekämpft und vielen Menschen das Leben gerettet.

Parallelen zu solchen Reinwaschungsproszessen gab es ja viele. Wer das Buch von Herbert Lackner, „Rückkehr in die fremde Heimat“ (im März 2021 erschienen) liest, der staunt, wie wie leicht es war, sich als „unbedenklich“ einstufen zu lassen und danach als Politiker, Künstler, Anwälte, Richter weiter zu arbeiten.

Zurück zu Kalanag/Schreiber: Er zieht nach Kriegsende eine Show der Sonderklasse auf. Woher er das Geld für die teure Ausstattung hatte, ist nicht klar, Malte Herwig vermutet, dass er sich am gut versteckten „Nazigold“ gütlich tat. Schreiber wird zum Großmeister der Zauberer, verdient Unsummen. Seine Frau, die erotisch-exotische Gloria unterstützt ihn tatkräftig, Lusus pur ist angesagt, all das unterstrichen durch den Geparden, der mit ihr auftritt und der neben ihr im Restaurant sitzt.

Doch mit dem aufkommenden Fernsehen hat der Zauber ein Ende. Kalanags Schow ist nicht mehr zeitgemäß. Helmut Schneider stirbt 1963 verarmt und ruhmlos. Ein wichtiges Buch über das Thema: Vergangenheitsbewältigung oder besser über die Tricks, sich seine Vergangenheit wegzuzaubern.

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Ljuba Arnautovic, Junischnee. Zsolnay.

Wien 1934. Die überzeugte Kommunsitin und Schutzbündlerin schickt ihre beiden Söhne ins „Ferienlager“, um sie vor der Verfolgung durch die Nazis zu retten. Slavko der Ältere wird in einem Lager verhungern. Karli, der Jüngere, erlebt zunächst eine gute Zeit in Moskau, wo diese Schutzbundkinder richtig verwöhnt werden. Doch nachdem Hitler den Pakt mit Stalin gebrochen hat, ist es aus mit der heiteren Kindheit. Jugendgefängnis, Straflager folgen. Nach 20 qualvollen Jahren ist Karl frei, heiratet eine Russin und hat mit ihr 2 Kinder. Eines davon ist die Autorin, die später den Lebensweg ihres Vaters penibel recherchieren, Akten und Briefe aufstöbern und sie teilweise in Originalform in den Roman einsetzen wird. Apropos „Roman“: manchmal wirkt er wie eine Dokumentation, ein Skript für eine Doku im Fernsehen, dann wieder schaltet die Autorin auf eine quasi auktoriale Erzählhaltung um. In diesen Teilen bemüht sie sich um eine bewusst karge Sprache, für Poesie ist da kein Platz. Rasche Schnitte von einer ERzählform zur anderen, vom Brief zu Aktenauszügen und kurzen Hinweisen auf den Geschichtshintergrund erinnern immer wieder an eine Voralge für eine Doku. Selten schreibt die Autorin über die innersten Gefühle der Personen. Da heißt es nur: Nina (Mutter der Autorin und erste Ehefrau ihres Vaters) hat Heimweh nach Russland. Arnautovic meidet ganz bewusst eine zu starke Gefühlsebene. Auch wohl deshalb, um klar zu machen, dass in diesen Zeiten es eher ums Überleben als ums Erleben von „schönen Gefühlen“ ging. Und auch, um sich klar darüber zu werden, was ihren Vater zu dem harten, ehergefühlskalten Mann gemacht hat.

Cui bono?

Es hat den Anschein, als sei es derAutorin nicht leicht gefallen zu sein, über ihren Vater offen zu berichten, denn er ist nach seiner Rückkehr aus Russland keineswegs ein sympathischer Mann, betrügt seine Frau, die er zuerst zwingt, mit ihm nach Wien zu ziehen, ihr aber bald die Kinder nimmt und von langer Hand die Scheidung plant, weil er mit einer anderen liiert ist. Dieses spürbare Zögern, über diesen Vater offen und ehrlich zu schreiben, ehrt Ljuba Arnautovic. Denn andere Autoren und vor allem Autorinnen scheuen und scheuten sich nicht, über ihre Familie blank und frei, für den Leser schon peinlich genau zu berichten. Das Familienschicksal in die Öffentlichkeit zu bringen ist Mode geworden. Ljuba Arnautovic weiß ganz offensichtlich um diese Problematik und wählt deshalb die herbe Form der Mischung aus Erzählung und Dokumentation. Fragt sich nur: Ist eine Familiengeschichte auch „Literatur“? Und man fragt sich: Cui bono entstand dieses Buch? Am ehensten wohl für die Autorin selbst, sie will sich ein Bild von diesem durch den Gulag hart gewordenen Mann machen. Die Detailinformationen über das Schicksal von Schutzbundkindern in Russland ist für jeden Leser interessant und informativ. Denn darüber wird ja in keinen Geschichtsbüchern berichtet. Es ist auch interessant zu erfahren, wie sich das Geschichtsbild, die Haltung zum Kommunismus all dieser Familienmitglieder und Freunde in und nach dem Krieg veränderte oder auch gleich blieb.

Verlag Zsonay bei: http://www.hanser-literaturverlage.de

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Verlag Matthes&Seitz

Was für ein Buch! Es verdient tatsächlich, ein Epos genannt zu werden, auch wenn es nicht in Reimen, auch nicht in einem erkennbaren Versmaß geschrieben ist. Aber die Sprache ist frisch, frech und wirklich neu. Ein mitreißender Stil.

Worum geht es?

Tatsächlich um eine Heldin im altgriechischen Sinn. Selbst Sophokles hätte Anne Bauemanoir das epitheton ornans „Heldin“ verliehen und über sie ein Drama geschrieben.

Sie war 18 Jahre jung, als sie im 2. Weltkrieg der Résistance beitrat und überzeugte Kommunistin wird. Zunächst war es ihre Aufgabe zu gehorchen und geheimnisvolle Koffer mit geheimnisvollen Inhalten von A nach B zu transportieren. Doch eines Tages muss sie sich die Frage stellen: riskiere ich Gefängnis oder sogar mein Leben, wenn ich eine jüdische Familie vor dem Tod rette oder tue ich so, als ob ich nichts wüßte. Sie – rettet die beiden Kinder. Die Eltern und das Baby wollen nicht mit ihr gehen. Nach dem Ende des Krieges studiert sie Medizin, heiratet, bekommt 2 Kinder und arbeitet als erfolgreiche Ärztin. Doch das politische Geschehen lässt sie nicht los. Helfen, das Ideal eines gerechten Staates zu verwirklichen, bleibt ihr Lebensszweck-. Sie arbeitet weiter als Mitglied einer Untergrundbewegung, wird denunziert und muss ins Gefängnis. Bevor sie zu 10 Jahren Haft verurteilt wird, kann sie nach Tunis entkommen. Nun setzt sie sich verstärkt für ein freies Algerien ein. Nach ihrer Scheidung lebt sie in Algier, versucht ein Gesundheits- und Bildungswesen in dem neu gegründeten Staat auf die Beine zu stellen. Doch in den Wirren des neuen Staates ist auch sie gefährdet. Sie flieht nach Frankreich, wo sie bis heute in einem kleinen Dorf lebt. Sie schreibt ihre Memoiren mit dem Titel „Le feu de la mémoire“, auf Deutsch: „Wir wollen das Leben ändern“. Und bald soll der 2. Band erscheinen.

Dieses Buch ringt dem Leser in jeder Hinsicht Bewunderung ab: einmal für die Heldin – die sich sicherlich gegen diesen Ehrennamen wehrt – und noch einmal für die Autorin. Sie hat mit genauen Recherchen den Hintergrund dieser politisch schwierigen Zeit erhellt, ohne damit den Fluss der ERzählung zu belasten. Außerdem ist ihre Sprache frisch, pointiert und daher reines Lesevergnügen.

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