Ist das wirklich Philipp Hochmair? Von der Ferne, der 2. Reihe Balkon, sieht man einen ordentlich gescheitelten Mann im Anzug und Krawatte an einem Tisch sitzen-

und er beginnt zu LESEN! Hochmair und LESEN! Das hat man noch nie erlebt. Er bringt ja sogar Stifters Novelle „Der Hagestolz“ zum Glühen, er rast als Werther über die Bühne, er stolpert wie der tumbe Tor durch „Amerika“, er verausgabt sich bei Schillers Balladen und im Jedermann reloaded. Nie und nimmer las er – fest am Sessel klebend! Nun den Anzug versteht man noch – er imaginiert ja Josef K., einen Bankangestellten so um 1913/14 herum. Und der Text selbst ist ein trister Hammer. „Den sollte man sich nur geben, wenn man ausgeglichen ist und einen halbwegs ruhigen Tag hinter sich hat“, sagte ein Besucher nach der Lesung. Erschwerend kam noch hinzu, dass Philipp Hochmair in seine von Interviews und den Aufführungen des Jedermanns auf dem Salzburger Domplatz leicht nuschelnde, Endsilben verschluckende Aussprache verfiel. So musste man sich gehörig anstrengen, um einigermaßen mitzubekommen, was der arme Josef K. da unten mitmachen musste: Verhaftet werden, einen Prozess ohne Anklagegründe sich anhören und schließlich einen grausamen Tod durch Erstechen erleiden. Als Auflockerung gab es Dias, über deren Zweck man heftig rätseln durfte. Da sah man drei Mädels im Dirndl, sofortige Assoziation: Mädels aus einem Wachaufilm. Oder Menschen beim Heurigen. Am Ende ein Bild, das im Stadtpark von Wien aufgenommen sein könnte: Blühende Bäume, eine Statue verschwommen im Hintergrund, ein Mensch vorne – im Anzug. Kafka, Hochmair? Irgendwie tröstet man sich: Einer „Rampensau“ (für alle, die den Ausdruck nicht kennen: Es ist das größte Kompliment für einen Schauspieler und meint: Er gibt immer alles, markiert nie) darf auch einmal ein Ausrutscher passieren.