Kompliment an den Autor! Er hat mit äußerster Akribie Archive und jede nur mögliche Art der Überlieferungen – mündliche und schriftliche – durchgeackert. Daraus wurde ein Art Tagebuch aus der Zeit vom Mai 1940 bis Oktober 1941. Diese Zeit war geprägt von Angst, Naziterror und Flüchtlingsströmen quer durch Europa. Nicht nur Juden, sondern auch Künstler, Intellektuelle verließen ihre Heimat und suchten außerhalb von Deutschland und den von Hitlertruppen besetzten Gebieten eine Bleibe. Bald waren die Grenzen der Schweiz dicht und die Flüchtlichge suchten in Frankreich, vor allem in Paris, Zuflucht. Doch als die Deutschen in Frankreich einmarschierten und Paris besetzten, wohin dann? Viele schlugen sich bis in den Süden Frankreichs durch, doch das war nur eine kurzfristige Lösung.
Die Existenz vieler war gefährdet. Wer noch genügend Geld hatte, um sich ein Schiffsticket in die USA zu kaufen, der entkam dem Horror. Die meisten Künstler und Intellektuelle jedoch blieben in Marseille und Umgebung hilf- und ratlos hängen, täglich von der Gefahr, geschnappt und in ein Lager gesperrt zu werden , bedroht.
In dieser Situration ergreift ein Mann namens Varian Fry mit Freunden die Initiative: Sie gründen in einem New Yorker Hotel das “ Emergency Rescue Committee“ (ERC). Sie sammeln Geld und erstellen eine Liste von namhaften Intellektuellen und Künstlern, deren Leben bedroht ist. Diese zu retten, wird Fry nach Mareille losgeschickt. Er ist kein Abenteurer, aber mutig und entschlossen. Interessant ist, wie unterschiedlich Wittstock die Initiative der Rettungsaktion schildert. Bei anderen Autoren – u.a. Herbert Lackner – ist es Thoma Mann, der schon längere Zeit in den Staaten lebt, die Initiative ergreift und Fry mit der Liste losschickt.
Was nun folgt, ist eine genaue Schilderung all der Schwierigkeiten, Erfolge und Rückschläge, die Varian Fry in Marseille durchmachen muss. Er findet Helfer – unter anderem einen gewissen Charles Fawcett. Er ist ein richtiger Draufgänger , sportlich und unerschrocken. Viele Prominente, unter anderem Alma Mahler und Franz WErfel, führt er über auf versteckten Pfaden über die Pyrenäen nach Spanien und Portugal. Nicht allen gelingt die Flucht, aber vielen. Unermüdlich arbeitet Fry, sucht Unterkünfte, neue Fluchtwege, organisiert (gefälschte) Papiere. Bis er am 1. November 1941 gegen seinen Wunsch weiterzuarbeiten vom ERC zurück nach New York „beordert“ wird.
Obwohl er mit fast unmenschlicher Anstrengung weit mehr als 200 Flüchtlingen das Leben gerettet hatte. wird ihm in New York kein guter Empfang bereitet. Sein Name und sein Wirken gerät bald in Vergessenheit. Erst 1994 wurde ihm von Yad Vashem der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen. Wittstock schrieb mit diesem Buch nicht nur die Geschichte eines Mutigen, sondern erzählt interessant und spannend die Schicksale vieler, wie z.B. Hannah Arendt, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Walter Mehrung, Werfel und Alma Mahler-Werfel.
Ein wichtiges Buch, gut geschrieben, gut recherchiert, ohne dass die Recherchen das Lesen belasten. Einige interessante Originalfotos.